Papillon:
Blickfang

Eine geraume Zeit schon sitzt er dort, aber niemand bemerkt ihn, niemand nimmt auch nur im Geringsten Notiz von ihm. Er jedoch sieht und beobachtet alles. Nicht wahrgenommen zu werden, aber selbst jede Kleinigkeit zu registrieren ist für ihn höchst amüsant und er geniesst dieses Gefühl jedes Jahr aufs Neue.
Die Menschen hasten an ihm vorbei, die Gedanken hängen ihnen tief im Gesicht wie Nebelschwaden im Herbst über den Tälern. Er sieht Mütter und Väter mit ihren kleinen Kindern. Die Eltern drängen sie stets zur Eile, nur um Fragen auszuweichen die die Kinder seit jeher interessieren. Schliesslich wollten sie schon immer wissen, warum die Enten im Winter nicht frieren, wer den Regenbogen an den Himmel malt, oder warum der Teddybär nicht weint, wenn er hinfällt.
Er beobachtet die Menschen, wie sie mit ihren Vierbeinern die nächst gelegene Hundetoilette aufsuchen, um das unvermeidbare Geschäft möglichst schnell hinter sich zu bringen. Doch bis dorthin stehen meist noch ein paar Bäume, an denen es sich für den Dackel noch hundertmal zu schnuppern lohnt. Er schmunzelt in sich hinein und wünscht ihm in Gedanken viel Glück auf der Suche nach seiner Dackeldame.
Wehmütig hört er zu wie die Leute über das Wetter klagen. Wenn es regnet schimpfen die Einen über die Trübe und Nässe, und wenn die Sonne scheint finden die Anderen die Trockenheit zu ungesund. Ist es wohl so schwierig geworden, den Regentropfen wie den Sonnenstrahlen ihr Dasein zu gönnen? Still und in Gedanken versunken fragt er sich, warum bei den Menschen die Erkenntnis verloren gegangen ist, dass erst durch Gemeinsamkeit Leben entstehen kann.
Noch immer sitzt er unerkannt da und amüsiert sich. Trotz seinen typischen kleinen Zeichen und zaghaften Gesten, mit denen er sich wiederum auf eine wunderbare Weise präsentiert, erkennen ihn die meisten Menschen nicht, noch nicht. Er hat sich auch dieses Jahr ein schönes Plätzchen ausgesucht, einen Ort mit unermesslicher Weitsicht, mit Ausblick auf das Kommende und mit genügend Raum für Perspektiven. Hier gefällt es ihm, hier kann er sich entfalten, hier wird er für die nächsten drei Monate bleiben. Auf einmal steht ein kleines betagtes Mütterchen vor ihm. Das Gesicht voll mit Runzeln und Furchen, aber mit ausgesprochen wachen und munteren Augen, in denen sich Scharfsinn, Schalk und Weisheit vereint haben. Spitzbübisch lächelt sie ihn an und nuschelt mit ihrer zittrigen Stimme: „Dacht ich mir’s doch, dass ich sie hier finde. Seit Tagen schon hör ich frühmorgens die Amseln singen, ich seh an den Bäumen die Knospen spriessen, am Flussufer hab ich die ersten Schneeglöckchen und Sumpfdotterblumen gefunden, ich rieche den Bärlauch im Wald und. . . thjaaa . . auch die Liebesgefühle und Schmetterlinge sind wieder unterwegs“. Ihre schlauen Augen sind zu kleinen Schlitzen geformt. Sie zwinkert, streckt ihm ihre kleine aber kräftige Hand entgegen und sagt ganz bedacht: „Danke Frühling, dass sie sich Jahr für Jahr die Mühe nehmen, die Natur aus ihrem Winterschlaf zu wecken. Wenn ich einmal nicht mehr bin, so werden andere Menschen da sein, die sie suchen und finden werden“.
Berührt von diesen Worten ist dem Frühling einmal mehr bewusst geworden, dass es sich zweifelsohne und allzeit lohnen wird seine Arbeit zu tun. Er bleibt noch ein Weilchen sitzen und geniesst es, mitunter doch erkannt zu werden. Er glaubt, die Menschen lächeln zu sehen.
Herzlichst euer Papillon
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