Univ. Prof. Dr. med. Christa Cerni:
Eine Minute...
Liebe Leserin! Lieber Leser!
Durch einen Zufall bin ich auf ein Buch gestossen, das ich nicht nur mit zunehmendem Staunen gelesen habe, sondern wo ich gleich nach den ersten Seite dachte: „Das muss ich Ihnen erzählen, denn das könnte für Sie auch brauchbar sein.“ Ich glaube, ich habe da etwas entdeckt, das sich auch hervorragend für die obligaten guten Vorsätze zum Jahreswechsel eignet. Es nennt sich (so ist auch der Titel des Buches): eine Minute für mich.
Wissen Sie eigentlich, wie lange eine Minute ist, wenn man gar nichts zu tun hat? Wenn man nur still da sitzt und seine Hände untätig ruhen lässt? Sie, liebe Leserin, sollten das unbedingt einmal ausprobieren. Aber dabei nicht auf die Uhr sehen! Nur sitzen und ausruhen. Und wenn Sie glauben, dass die Minute um ist, dann können Sie das überprüfen. Ich denke, Sie werden die Länge einer einzigen Minute in der alltäglichen Hektik zu kurz schätzen und feststellen, dass eine Minute Pause sehr lang ist. Gut, damit haben Sie die erste Lektion erlernt: eine Minute ist lang. Also, wie weiter?
Diese eine Minute sollen Sie nun dazu verwenden, in sich hinein zu horchen und nachzudenken, was Sie für sich selbst tun können, dass es Ihnen selbst besser geht. Nachdenken darüber, womit Sie sich heute verwöhnen könnten. Womit Sie sich selbst eine kleine Freude machen könnten. Womit Sie sich selbst Wohlbehagen schaffen könnten. Sie, liebe Leserin, sind der einzige Mensch auf der ganzen Erde, der das wissen kann. Niemand sonst. Und stünde Ihnen ein anderer Mensch noch so nahe: für Ihr Wohlbehagen, für Ihr Glück, für Ihre Freude, sind Sie alleine der einzige Fachmann bzw. Fachfrau. Es ist einfach unmöglich für andere Menschen, auch für die Ihnen ganz vertrauten, die momentanen Wünsche zu erkennen oder zu erahnen. Und es wäre auch nicht besonders fair, dieses vermeintliche Unvermögen Ihren Nächsten innerlich erbittert und enttäuscht vorzuhalten. Wie sollten das die anderen erraten können? Nur Sie können das wissen!
Der bekannte Regisseur Josef von Sternberg, der 1930 unmittelbar nach der Uraufführung seines „Blauen Engels“ in Berlin mit seiner Neuentdeckung Marlene Dietrich nach Hollywood zurückging und sie dann zum Weltstar machte, sagte einmal:“ Wir verbringen einen grossen Teil unseres Lebens damit, die Achtung anderer zu erwerben. Aber Selbstachtung zu gewinnen, darauf verwenden wir zu wenig Zeit.“ – Hat er nicht recht damit? – Unsere Aufmerksamkeit ist doch wirklich in erster Linie darauf gerichtet, was wir für andere tun können, für die Familie, für die Freunde, für den Chef, für Not leidende Menschen. Ohne lange nachzudenken, unterstützen wir karitative Organisationen. Und die Weihnachtszeit ist ein gutes Beispiel für unser gewohntes Tun: ohne Zögern tragen wir schönsten Geschenke nach Hause, die oft den vorgesehenen finanziellen Rahmen übersteigen, während wir für uns selbst fast reflexartig nach der billigeren und weniger schönen Variante greifen. Wieso eigentlich? Verdienen wir denn nicht genau so viel Zuwendung für uns selbst, wie wir sie anderen zukommen lassen? Wieso stellen wir immer das Wohl der anderen so unreflektiert und automatisch vor unser eigenes? Sind wir denn nicht auch „wer“? Jemand, der auch Achtung und Zuwendung verdient, genau so wie wir sie den anderen entgegenbringen?
Die Erziehung hat uns gelehrt, die Bedürfnisse anderer vor unsere eigenen zu stellen. „Sei nicht so egoistisch!“, haben uns die Eltern eindringlich durch Jahre hindurch gemahnt. Nun, jetzt ist die Zeit gekommen, dass wir unsere Wünsche und Bedürfnisse vor die der anderen reihen. Jetzt sind wir an der Reihe! Jetzt wollen wir uns zunächst und zu allererst für uns und um uns sorgen! Es wird Zeit, dass wir uns selbst wichtig nehmen und uns selbst die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die bisher anderen gegolten hat. Und es sind die täglichen Kleinigkeiten, die kleinen Aufmerksamkeiten uns selbst gegenüber, denen nun unsere Aufmerksamkeit gilt. Nein, das ist nicht der geschmähte Egoismus. Das ist Achtung vor uns selbst, Liebe uns selbst gegenüber, die wir verdienen. - Nun, wie können wir da vorgehen?
Es ist einfach: Gönnen Sie sich täglich zumindest einmal eine einzige Minute innerer Ruhe und überlegen Sie:“ Was könnte ich für mich tun, damit es mir besser geht?“. Vielleicht werden Sie zu Beginn ein wenig Geduld mit sich selbst brauchen, um in sich selbst zu horchen, aber mit der Zeit und mit ein wenig Übung wird es zunehmend besser gehen, und es werden Ihnen mit der Zeit tausend kleine Dinge dazu einfallen. Vielleicht wollen Sie zunächst nur den Vorhang ein wenig zur Seite rücken, damit Sie die spärlichen, winterlichen Sonnenstrahlen geniessen können. Fühlt man sich in einem sonnigen Zimmer nicht gleich wohler? Vielleicht fällt Ihnen ein, dass der unpassende Blumentopf gegen einen anderen ausgetauscht werden könnten. – Dann tun Sie es! Und freuen Sie sich über Ihre gelungene Blumentopf-Rouchade! Der schönere Topf wird Ihnen auch noch nach vielen Tagen Freude bereiten! Und Sie werden wahrscheinlich innerlich über sich selbst lächeln, wenn Ihnen der Anlass dazu immer wieder einfällt. Vielleicht erinnern Sie sich auch an das Kuchenrezept, das Ihnen Ihre Nachbarin vor vier Wochen gegeben hat und zu dessen Ausprobieren Sie bisher einfach keine Zeit hatten. Her mit dem Rezept! Eine Bastelstunde in der Küche ist angesagt. - Oder wollten Sie nicht schon vor einiger Zeit in dem kleinen Kästchen nach den alten Fotos kramen? Das Kästchen könnte eigentlich etwas mehr Ordnung brauchen. So viel unnötiges Zeug hat sich da schon wieder angesammelt! Gönnen Sie sich dieses Vergnügen und kramen Sie nach den alten Fotos. - Hatten Sie nicht schon oft flüchtig daran gedacht, Ihr Lieblingskinderbuch nochmals zu lesen? - Wollten Sie nicht schon seit einer kleinen Ewigkeit wieder eine alte Bekannte anrufen und mit ihr plaudern? - Wie kann ich es heute organisieren, dass ich eine halbe Stunde Zeit habe, nur für mich? Und was werde ich dann mit dieser kostbaren halben Stunde tun? Badewanne? Lesen? Spazieren gehen? Telefonieren? –
Vielleicht wollen Sie aber ein bisschen „Abenteuer“ ? Ja, das geht auch ganz einfach. Ich erinnere mich daran, dass ich mich schon seit Jahren immer wieder gefragt hatte, wie die Gegend „jenseits“ meiner Autobus-Aussteigstelle wohl aussehen mag (ich wohne seit mehr als 10 (!) Jahren in diesem Wiener Stadtteil.). Vor einigen Monaten fasste ich den spontanen Entschluss, im Bus sitzen zu bleiben und das Land jenseits meiner Bushaltestelle zu erforschen. Der Bus führte mich in eine völlig unbekannte Gegend. Objektive gesehen ist es eine hübsche Wohngegend, die selbst völlig unabenteuerlich war und wenig Aufregendes bot. Ich hingegen empfand die Reise als eine Art Safari. Das Merkwürdige an diesem seltsamen Ausflug war, dass das Abenteuer im inneren Entschluss dazu lag und nicht in den anschliessenden Äusserlichkeiten. Das Erlebnis und die Freude darüber war mein spontaner Entschluss dazu und offenbar unabhängig von dem, was ich dann dabei zu sehen bekam. Kosten: 0. Zeitaufwand: 20 Minuten. Vergnügen: unbezahlbar.
Sind es nicht täglich tausend kleine Möglichkeiten, sich selbst Freude zu machen? Für die wir aber bisher gedacht haben keine Zeit zu haben? Nein, wir haben sie nicht wirklich ernst genommen. Und viel schwerwiegender: wir haben UNS damit nicht wirklich ernst genommen. Jede Erfüllung dieser kleinen Wünsche, die nur Sie alleine wissen können und die nur Sie alleine sich erfüllen können, wird Ihnen tiefe Zufriedenheit, Freude, stilles Glück bringen. Auch Sie, liebe Leserin, tragen in sich die Quelle für tausend solcher und ähnlicher Abenteuer und stillen Freuden. Es gilt nur, sie sich bewusst zu machen, sie bewusst wahrzunehmen und sich an ihrer Erfüllung zu freuen. Wer, ausser Ihnen, kann sie kennen? Nur Sie selbst. Alles, was Sie dafür brauchen, ist täglich eine einzige Minute, um in sich hinein zu horchen und sich leise zu fragen: “Was kann ich heute, in diesem Moment, für mich tun, damit es mir besser geht? Wie und womit kann ich mich heute verwöhnen“. Und die Antwort darauf liegt in Ihnen. Je mehr Sie sich selbst verwöhnen, je aufmerksamer Sie zu sich selbst sind – so wie Sie es sonst immer zu den anderen sind und waren, - umso schöner wird Ihr Tag. Sie verdienen diese Fürsorge um sich selbst.
Nein, das ist nicht der Egoismus, vor dem uns unsere Eltern immer so eindringlich gemahnt hatten, denn Sie nehmen damit niemanden etwas weg. Ganz im Gegenteil: je fürsorglicher Sie zu sich selbst sind, um so mehr wird Ihre Umgebung davon profitieren. Die kleinen Glücksmomente, die Sie sich selbst bescheren, werden es Ihnen noch leichter machen, den anderen mit Aufmerksamkeit und Liebe zu begegnen. Nur wer sich selbst liebt, sich selbst achtet und sorgsam zu sich selbst ist, wird das auch mit anderen können. Und trennen Sie sich auch von der unrealistischen Vorstellung der eigenen Perfektion. Niemand ist perfekt. Und Sie brauchen es deshalb auch nicht sein. Amüsieren Sie sich über Ihre kleinen Schwächen, über Ihre Unperfektheit, über Ihre alten, frisch-gebliebenen Mängel und Unzulänglichkeiten. Die Fehler der anderen werden Ihnen dadurch weniger ärgerlich und in einem milden Licht erscheinen!
Wenn Sie auf der Suche nach guten Vorsätzen für's 2002 sind, schlage ich Ihnen vor, nein, ich beschwöre Sie: Gönnen Sie sich täglich eine Minute Zeit für sich selbst. Lassen Sie in dieser stillen Minute Ihre kleinen Wünsche und Ideen aus Ihrem Innersten zu Wort kommen und schenken Sie ihnen ungeteilte Beachtung. Es ist ein Zeichen der Weisheit, sich nur das zu wünschen, was man selbst haben oder tun kann. Überfordern Sie damit nicht Ihre Lieben. Geniessen Sie es, sich selbst zu verwöhnen! Und schenken Sie sich selbst im nächsten Jahr all die Aufmerksamkeit und Liebe, die Sie verdienen.
(In diesem Zusammenhang möchten wir Sie auch auf folgendes Buch hinweisen: Spencer Johnson: Eine Minute für mich. Rowohlt, ISBN 3498 03321 2. Fr. 34.50)
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