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Dr. Christa Cerni:

Mozartkugel in Nerz

Die Geschichte ist beinahe wissenschaftlich, denn sie spielte in unserem Labor.

Zuerst muss ich kurz die Szenerie schildern, in der sich meine Geschichte abspielt. Die Mitglieder meiner Arbeitsgruppe, mich inkludet, haben neben vielen lobenswerten Gemeinsamkeiten auch eine etwas bedenkliche: eine schier unglaubliche Naschhaftigkeit. So missraten kann ein Kuchen gar nicht sein, dass seine Stunden im Labor nicht gezählt wären! Gemeinsam machen wir uns über alles her, das auch nur einen Hauch von Zucker in sich hat. Die Art und Form ist dabei ziemlich egal. Hauptsache, es ist süss. Besonders beliebt sind aber Mozartkugeln. Als Arbeitsgruppenleiterin bin ich für das Wohl meiner Mitarbeiter verantwortlich, und ich komme dieser Verantwortung gewissenhaft nach, unter anderem auch durch das routinemässige Herbeischaffen von ausreichenden Mengen an Mozartkugeln. Unser diesbezüglicher Umsatz ist nicht schlecht.

Es war eines Tages, als ich beim nächtlichen Weggehen aus dem Labor noch rasch den Vorrat überprüfte: drei Stück, eingewickelt in goldenes Papier, in einem Bastkörbchen auf meinem Schreibtisch, griffbereit für jedermann. Aha, Nachschub ist fällig. - Am nächsten Morgen war nur mehr eine Kugel im Korb. Das war merkwürdig, denn ich war mit Sicherheit die letzte, die nicht nur das Labor, sondern das Institut verliess und (ausnahmsweise) die erste im Labor am nächsten Morgen.
Vor mir war nur die Putzfrau da gewesen. Wenn ich jetzt auch noch unsere Putzfrau mitversorgen muss, muss ich mich nach noch grösseren Packungen umsehen, überlegte ich. Die Putzfrau hingegen wies meine diesbezüglichen Gedanken mit Empörung zurück. Ich blieb auch an diesem Tag lange im Institut. Eine dringende Schreibarbeit erforderte nächtliche Ruhe und Konzentration. Vielleicht war es sogar ein Artikel fürs Bulletin. Es war fast Mitternacht. Das Labor war ganz still und dunkel, nur die kleine Lampe am Schreibtisch brannte. Plötzlich ein zartes Trapp, trapp, trapp. Stille. Trapp, trapp, trapp. Stille. Hinter dem Terminkalender am Schreibtisch schaute ein kleines braunes Köpfchen mit zwei verärgerten schwarzen Äuglein hervor. Die langen Barthaare zitterten vor offensichtlicher Empörung ob der späten Ruhestörung. Ich verharrte sofort in absoluter Bewegungslosigkeit. Das Mäuschen auch. Es sass still hinter meinem Kalender. Ich still davor. Immer wieder überprüfte es meine lästige Anwesenheit. Nach einiger Zeit des beidseitigen Anstarrens und Ausharrens löschte ich vorsichtig das Licht - mit der Konzentration auf die Arbeit war es ohnedies vorbei - und schlich mich leise aus dem Labor. Am nächsten Tag war auch die letzte Mozartkugel verschwunden. Von nun an sahen wir uns öfter. Da das Mäuschen braun war, war es eine Wildmaus, denn unsere ingezüchteten Labormäuse im Institut sind entweder ganz weiss oder schwarz. Mit der Zeit spielte sich ein gewisses Ritual ein: Trapp, trapp, trapp (Maus) - gespannte Aufmerksamkeit (ich) - vorwurfsvoller Blick (Maus) - leises Davonschleichen (ich) - Reduktion der Mozartkugeln am nächsten Morgen. Diese Köstlichkeit war für uns nun tabu; wir hielten uns an einfachere Produkte. Wir führten, dem Laborbrauch entsprechend, ein genaues Protokoll und errechneten, dass das Mäuschen im Durchschnitt pro Nacht 1.2 Mozartkugeln verzehrte. Mit dieser Menge passt es gut zu uns, und es wurde daher zum Ehrenmitglied meiner Arbeitsgruppe ernannt.

Wohin verfrachtet unsere Maus ihre/unsere Mozartkugeln? Weit und breit waren keine goldenen Papierfetzerln zu sehen! Ich suchte lang und fand schliesslich einen ganzen Haufen davon hinter den Büchern, die seitlich auf dem Schreibtisch an der Wand standen. Unsere
Schokolademaus rollte offenbar die Kugeln mühsam quer über den ganzen, angeräumten Schreibtisch, um sie dann hinter den Büchern ungestört auszupacken und genussvoll aufzuessen. So viel voraussehende Planung ist unglaublich! Ich war ganz stolz auf sie! - Ich fand aber nicht nur die Papierreste und sonst allerlei, das auf den gesegneten Appetit des Mäuschens hinwies, sondern dass es in seinem Uebermut auch ein Fachbuch angeknabbert hatte. Denn Hunger kann es ja wohl nicht gewesen sein! Das Buch sah böse aus. Stellenweise fehlte bereits die Seitennummerierung rechts unten. „Maus, das geht nicht!“ sagte ich bestürzt, „Die Mozartkugeln teilen wir gerne mit dir, nicht jedoch die Bücher unserer Bibliothek! Du kennst unsere strenge Bibliothekarin nicht, sonst würdest du dich das nicht getrauen! Ich fürchte, mein Mäuschen, du musst umziehen!“

Ich holte Rat bei den versierten Kollegen unseres Tierlabors. Sie stellten eine sogenannte Lebendfalle auf meinem Schreibtisch auf. Das ist eine ca. 25 cm lange, schmale, quadratische Holzschachtel mit einer Klappe an einem Ende. Sie ist im Inneren mit einer queren Schnur verbunden. Mäuse, so erklärten mir die Kollegen, beissen alles durch, das sich ihnen in den Weg stellt, selbst wenn sie darunter durchschlüpfen könnten. Wir deponierten in der Falle eine ausgepackte, köstliche Mozartkugel, da das offenbar die Grundnahrung unseres kleinen Ehrenmitglieds war. An diesem Tag ging ich früher aus dem Labor; ich wollte nicht Zeuge meiner eigenen Hinterlist werden. Ich war unruhig und besorgt, denn Süssigkeiten machen bekanntlich durstig, und mein wiederholter Versuch, auch einen Wasservorrat in dieser Falle zu deponieren, hatte nicht funktioniert. Am nächsten Tag war die Falle zu. Wir trugen sie vor das Institut auf die Wiese und öffneten erwartungsvoll die Klappe. Normalerweise springen Mäuse sofort heraus und verschwinden rasch im Gras. Unsere Maus nicht. Trotz vorsichtigen Schüttelns und Rüttelns der geöffneten Falle blieb sie in ihrem Gefängnis. Sie sass drinnen, kein Zweifel. Allerdings verkehrt herum, denn es war nur der Schwanz zu sehen. Wieso dreht sie sich nicht um und springt heraus wie alle Mäuse? Wir holten also Werkzeug und begannen, die ganze Holzfalle vorsichtig zu zerlegen. Die Mühe lohnte sich, denn zum Vorschein kam die dickste, rundeste Maus, die ich je in meinem Leben gesehen hatte. Es war eigentlich eine überdimensionale Mozartkugel in Nerz! Mit vereinten Kräften schoben wir das dralle Geschöpfchen aus seinem Gefängnis und setzten es auf den Boden. Verdutzt und sichtlich beleidigt starrten mich die vertrauten Äuglein an. Wir mussten es mehrmals aufmunternd stupsen, ehe es sich verdrossen davonmachte und schliesslich gemächlich im hohen Gras verschwand.

In den nächsten Tagen erhöhte ich vorsorglich unseren Bestand an Mozartkugeln und wartete noch viele Nächte geduldig, ob es nicht doch durch die grossen Installationsschächte des Instituts wieder den Weg zu uns in den dritten Stock finden und wieder hinter dem Kalender strafend hervorschauen würde. Aber die Abende blieben einsam und die Anzahl der Mozartkugeln gleich.
Es geht mir ab.
Viel Vergnügen beim Stöbern in unserer kleinen "digitalen Bibliothek"!
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:)