Papillon:
Frühlingsvision
Unbeschwert rieselte sie aus der grossen weissen Wolkendecke und genoss sichtlich ihren ersten Flug durch die Lüfte. Die kleine Schneeflocke war ausser sich vor Freude und liess sich treiben, wohin der Winterwind sie führte. Sie liess es einfach geschehen, wirbelte hoch und runter und zwischendurch auch mal quer. Erst als sie müde wurde, begann sie zu überlegen, wie sie das mit der Landung wohl anstellen sollte. Sie hatte ja noch keinerlei Erfahrung, und wollte es tunlichst vermeiden, sich bereits beim ersten Mal zu blamieren. Unsicher und nervös schaukelte sie umher und bekam es schliesslich mit der Angst zu tun. Die Erde spürte diese plötzliche und ungewohnte Unruhe im Schneegestöber und nahm die kleine Flocke liebevoll bei der Hand und geleitete sie sanft zu Boden. Die Schneeflocke war glücklich und dankbar für diese Hilfe und ruhte sich nun erst mal ein bisschen aus. Doch sie merkte bald, dass das Leben auf der Erde nicht nur eitle Freude war. Allein schon den scharfen Schlittenkuven auszuweichen, benötigte ein besonderes Mass an Geschicklichkeit. Von den Menschen immerzu zertrampelt zu werden, ganz zu schweigen, und zu einem Schneeball zerquetscht zu werden, war ebenfalls nicht lustig. Doch sie war aufmerksam und clever und lernte täglich dazu und mit der Zeit gefiel es ihr auf der Erde doch ganz gut. Sie liess es sogar zu, dass die Kinder sie als Baumaterial für einen Schneemann verwendeten. Ja, sie war sogar stolz darauf, dass sie für diese Aufgabe auserwählt wurde, denn sie sass so quasi an vorderster Front, direkt unter dem linken Auge des kugelrunden Schneemannes. Die Kinder freuten sich nicht weniger als sie selbst über das gelungene Werk. Es kam wie es kommen musste, es verging nicht nur die Zeit, nein zunehmend auch der Schnee. Die kleine Flocke schwitzte und konnte sich kaum mehr halten. Der Schneemann wurde kleiner und kleiner und begann zu tropfen, als würde er weinen. Die Schneeflocke rutschte immer tiefer, vergebens versuchte sie sich an den verdorrten Tannzapfen, die als Schneemann’s Mantelknöpfe dienten, festzuhalten, es gelang ihr nicht! Sie geriet einmal mehr in Panik und wusste nicht, was sie nun tun sollte. Da spürte sie plötzlich eine Hand, die sie behutsam aufnahm und sehr sorgsam auf eine Krokusblüte legte. Als das Herzklopfen vorbei war und sie sich genauer betrachtete, merkte sie, dass sie gar keine Schneeflocke mehr war, sondern ein kristallklarer Wassertropf. Die Flocke, die nun gar keine mehr war, also der Wassertropf blinzelte in die warme Sonne und fragte schüchtern: „wo und wer bist du“? „Ich bin der Frühling, meine Aufgabe ist es, dir und deinesgleichen zu helfen. Sei vorsichtig und trag stets Sorge zu dir, so wird immer jemand da sein, der dir in der Not, wenn du Hilfe brauchst, die Hand gibt. Du wirst auf deiner langen Reise durch die unzähligen kleinen und grossen Flüsse und Seen bis hinab zum weiten Meer Vieles erleben und Vielem begegnen. Betrachte nie etwas als selbstverständlich, denn alles ist einzigartig. Ich wünsche dir Glück und hoffe, dass dich der nächste Winter finden wird und dich wiederum in einen wunderschönen Schneekristall verwandeln mag.“
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