Ladina:
Ich glaube, es wäre falsch...
Ich glaube, es wäre falsch, mir den Sieg über den Krebs als einziges Ziel zu setzen und starr den Blick darauf richtend, die Freude über kleine Siege nicht mehr zu empfinden. Die Siege eines jeden neuen Tages, die Siege über die Traurigkeit, die Verzweiflung, die Siege auch über die Stimme der Vernunft, die sagt, dass im Grunde alles sinnlos ist. Die Siege meiner Seele, die fähig ist zu träumen, und deren Sehnsucht sich manchmal verselbständigt und bewegte Bilder hervorbringt, die sich kaum noch vom realen Erleben unterscheiden.
Ich glaube, es wäre falsch, nur noch das grosse Ziel zu verfolgen, vorbeizueilen an den Blumen, die auch am Wegrand einer Krebskranken blühen, sie vielleicht sogar niederzutreten, weil nur das eine noch wichtig erscheint, weil ich mich blenden liesse, vom trügerischen Glanz einer Illusion, die, soweit ich ihr auch folge, mir immer mehr entweicht.
Ich glaube, es wäre falsch, nur noch darauf hinzuarbeiten, völlig gesund zu werden, und alle andern Träume und Wünsche , die ein Leben lebenswert und erstrebenswert machen, zu begraben, alle Kraft nur noch dafür zu verwenden, die Krankheit zu vernichten, jede einzelne Sekunde zu kämpfen, keine Zeit für meine Freunde, für meine Freuden, für Vergnügungen mehr übrig zu lassen.
Vielleicht könnte man das grosse Ziel zwar so erreichen, aber ich glaube, man hätte am Ende zu leben verlernt.
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