Bea:
Der Krebs
Es gibt neuerdings eine vielversprechende These, die propagiert, sich den Krebs zum Freund zu machen, um besser mit ihm leben zu können. Doch Freundschaft setzt für mich Vertrauen voraus, welches ich ihm nie entgegenbringen könnte, Offenheit, die ihn nicht interessiert, ein Gefühl des Geborgenseins, das in seiner Gegenwart fürwahr nicht gespürt werden kann. Ich habe mir den Krebs nie zum Freund gemacht, aber trotzdem recht gut mit ihm zu leben gelernt. Ich habe ihn als Begleiter akzeptiert, der immerzu mit mir geht. Ich anerkenne ihn an als etwas, das mich zu klarerer Sichtweise befähigte, das ich aber oft nur allzu gerne verscheuchen würde, um das Gefühl, einfach normal zu sein, wieder zu erleben. Ich lernte ihn kennen, als etwas, das mich Dankbarkeit lehrte für jeden guten Augenblick aber auch als etwas, das wirkliche Unbeschwertheit verhindert. Er kann Bereicherung sein, aber auch eine grosse Belastung. Er vermag einen zu bremsen und gerade dadurch erst weiterzubringen. Er kann schwere Sekunden zu Jahren machen und kurze Momente so intensiv erlebbar wie die Unendlichkeit. Er verwandelt die Werte, nach denen man sich ausrichtet und bringt einen zum Wesentlichen zurück, aber mein Freund wird er nie werden. Zuviel Schrecken birgt er in sich und er geizt nicht, seine Macht zu zeigen. Er ist mein lebenslänglicher Begleiter, Lehrmeister und Widersacher zugleich. Er ist sicher nicht das Beste, das man sich wünschen würde, aber ich glaube, doch auch nicht das Schlimmste, das man haben kann.
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