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Hier veröffentlichen wir regelmässig neue Artikel von Fachpersonen zu medizinischen Themen, die viele an Brustkrebs erkrankte Frauen interessieren.



Univ. Prof. Dr. med. Christa Cerni, Institut für Krebsforschung der Universität Wien:
Über Tulpen, den Frühling und welke Blätter (Juni 2002)


Im folgenden widmen wir uns wieder einmal einem Detail der Krebszellentstehung. Einem ihrer spannendsten Kapitel. - Fanden Sie, liebe Leserin, diesen heurigen Frühling auch so schön? War er nicht ganz besonders schön? Ist es denn nicht jedes Jahr ein unbegreifliches Wunder, wie rasch da alles heranwächst und mit welcher Emsigkeit und logischen Reihenfolge die Natur dabei vorgeht? Zuerst beginnen die „unteren Etagen“ mit ungeheurer Vehemenz mit dem Grünen, dann rasch die Sträucher und später, eher gemächlich, die hohen Bäume. Alle haben sich schon seit dem Herbst darauf vorbereitet. Wer z.B. so wie ich, seine Tulpenzwiebel im Vorjahr (wieder einmal!) viel zu spät in die Erde eingegraben hat, der muss dementsprechend lange auf die Blütenpracht warten. Und mein jährliches, stilles Hoffen, dass meine paar Tulpenzwiebel das verspätete Einpflanzen vielleicht doch nicht bemerkt haben, bleibt unerfüllt: immer blühen in meines Nachbarn Garten die rechtzeitig eingesetzten Tulpen früher als meine eigenen Nachzügler. Meine herbstliche Nachlässigkeit wird erkannt und trotzig bestraft. Die Vorbereitungszeit für das anschliessende Wachstum und Blühen wird von den Pflanzen strikt eingehalten. Da hilft auch das inbrünstigste Hoffen und Beten nichts! So schön die Tulpen dann endlich in ihrer Blütenpracht sind, so armselig werden sie, wenn zuerst die Blütenblätter abfallen. Nun ja, die leeren Stengel und Blätter sind eine Zeit auch noch ganz nett, aber bald werden auch sie braun und unansehnlich und stören ärgerlich die Ästhetik des frisch-grünen Gartens. Mit Begeisterung würde ich diese welken Blätter energisch abschneiden. Aber damit würde ich das erneute Blühen im nächsten Jahr gefährden. Die Pflanze braucht - so steht es in jedem Gartenbuch! - nicht nur ausreichend Zeit zur Vorbereitung auf das Erblühen, sondern auch Zeit zum Welken. - Was hat denn dieser Exkurs in die Gartenbotanik mit der Krebzellentstehung zu tun, werden Sie sich, liebe Leserin, nun wahrscheinlich etwas ratlos fragen. Glauben Sie mir: wir sind bereits mitten im Thema! Und näher an den zentralen Grundlagenforschungsgebieten, als Sie es vielleicht zunächst vermuten.

Bisher hat sich die Forschung in erster Linie mit grossem Eifer und Enthusiasmus auf die Zellteilung, also auf den „Frühling“, gestürzt und mit Erfolg versucht, seine Regulation und seine Mechanismen herauszufinden. Der Erforschung des Wachsens, der Zellteilung, galt alles Interesse. Es erscheint auch viel spannender und zweckmässiger herauszufinden, durch welche äusseren Umstände eine Pflanze wächst, eine Zelle sich teilt. Da kann man wirklich fündig werden! Man kann es mit mehr Giessen, neuer Erde oder regelmässigem Düngen probieren. Man kann durch Umsetzen für einen besseren, sonnigen oder schattigeren Standort sorgen. Das selbe gilt für die einzelnen Zellen, die man im Labor liebevoll versorgt: besseres Kulturmedium, andere Wachstumsfaktoren und Hormone, mehr oder weniger Sauerstoff, eine „freundliche“ Oberflächenbeschichtung in den Kulturgefässen. Und wir sehen bald, ob die liebevoll gesetzten Massnahmen ein Erfolg waren oder nicht. Im Vergleich dazu ist das Absterben und Welken nicht nur ziemlich uninteressant, sondern hässlich, lästig und ärgerlich. Niemand von uns, egal ob Garten-, Blumentopf oder Zellen-Besitzer/in, würde gezielt nach Massnahmen suchen, die das Absterben fördern! Was für eine kuriose Idee! Dieses traurige Dahinwelken erscheint als trauriges, zweifellos notwendiges Übel, dem demnach auch keinerlei weitere Beachtung beizumessen ist. Und so hat auch die Forschung über lange Zeit dem Wachsen, der Zellteilung, ihrer Vorbereitungszeit etc., eine uneingeschränkte Zuwendung geschenkt, während der Zelltod in die Kategorie der zellulären Unglücksfälle einordnet wurde. Selbst als ein passendes Wort für diesen Zelltod gefunden wurde, „Apoptose“, (das bedeutet „Abfallen der Blätter“) konnten sich zunächst nur wenige Forscher an diesem unerfreulichen Thema erwärmen. Vielleicht noch die Botaniker und Gärtner. Sicher nicht die Krebsforscher. - Die Zeiten haben sich jedoch geändert.

Wie würden wir ohne Apoptose wohl aussehen? Wir wären unstrukturierte Kugeln, ohne allzu viele Blutgefässe, mit einem Gesicht, das aus lauter einzelnen Lappen irgendwie wahllos zusammengefügt wäre, ohne funktionierende Nieren und Augen. Dafür hätten wir zwar ein doppelt so grosses Gehirn, das aber leider, leider nicht funktionieren würde. Unsere Hände und Füsse wären Tennisschläger-artig ohne Unterteilung in Finger und Zehen. Die Darmauskleidung wäre ähnlich unserer Haut aus zahlreichen Schichten aufgebaut, die kaum Nahrung aufnehmen würde. Wir wären daher den ganzen Tag mit dem Essen beschäftigt, ähnlich den Koala- und Pandabären, die jeden Tag 16 Stunden an den wenig Energie liefernden Blättern herum kauen. Dafür würden uns an allen Ecken und Enden Tumore wachsen. Einfach „prächtig“, wie wir aussehen würden! Kein noch so groteskes Monster aus einem Science-Fiction Film könnte es mit unserer Apoptose-losen Schönheit aufnehmen!

Aus dieser Aufzählung an Absurditäten wäre die frühe und ständige Entstehung von Tumoren zweifellos die schwerwiegendste Konsequenz für uns. Tatsächlich ist die Apoptose, neben ihrer Aufgabe, unsere Entwicklung zu steuern, ja, sie überhaupt zu ermöglichen, der wichtigste Schutz gegen das ständige Entstehen von Krebszellen. Wie ich es Ihnen schon kurz im Herbst-Bulletin erzählt habe, werden in einer jeden Zelle bei ihrer Vorbereitung zur Zellteilung aus Vorsicht gegen eventuell auftretende Fehler die Apoptose-Mechanismen kurzfristig angeschaltet. Sollte bei der Zellteilung etwas misslingen, z.B. dass ein wichtiges Gen zum falschen Zeitpunkt oder in einem Übermass aktiviert wird, dann wird in dieser Zelle der Zelltod automatisch eingeschaltet, sodass die Zelle rasch abstirbt. Ihre Überreste werden von den Nachbarzellen aufgenommen, das heisst, einfach aufgefressen. So geht nichts verloren. Die Überreste der toten Zellen dienen den Nachbarzellen als willkommene Quelle von „Fertigprodukten“. Täglich sterben in uns Unmengen von Zellen ab. So wie es auch im Garten, selbst im prachtvollsten Frühjahr, wo jede Pflanze nur mit dem Wachsen beschäftigt zu sein scheint, ständig abgefallene Blätter gibt. Auch noch so liebevolles Giessen und Pflegen kann die Apoptose selbst während des maximalen Wachstumsschubes im Frühjahr nicht verhindern. Jedes Misslingen während der Entwicklung hat den prompten Zelltod zur Folge. Und – auch das ist eine allgemeine Erfahrung – je schneller Pflanzen (oder Zellen) wachsen, um so häufiger gibt es auch braune Blätter. Das ist der Preis für die Eile! Den zahlen wir auch bereitwilligst in unserem Körper: Gewebe mit schnellem Wachstum wie z.B. die Darmauskleidung oder die weissen Blutkörperchen oder die Haut oder die Brustdrüse sind durch hohe Apoptose-Raten im Zell-Alltag gekennzeichnet.

Krebzellen müssen im Laufe ihrer langjährigen Entstehung rechtzeitig die zell-internen Mechanismen der Apoptose ausschalten. Wenn eine Zelle das nicht schafft, dann wird sie sich nicht in Richtung Krebzelle entwickeln können. Andererseits sind es aber diese Gegenstrategien, die es oft sehr schwer machen, Krebszellen mittels Chemotherapie oder Bestrahlung abzutöten. Viele Krebszellen können nicht mehr „normal“ sterben, weil sie es rechtzeitig verlernt haben. Oder noch schärfer formuliert: verlernen mussten. Wie funktioniert nun diese Apoptose und wie kann eine Zelle diesen Mechanismus unterlaufen? Und was kann man dagegen unternehmen?

Das Endziel eines apoptotischen Mechanismus ist es, die Erbsubstanz, die DNA, in Tausende kleine Stücke zu zerlegen, die nicht wieder zusammen zu basteln sind. Und um dabei ganz sicher zu gehen, wird im Zuge einer Apoptose nicht nur die DNA zerstückelt, sondern im selben Schwung auch gleich eine grosse Vielzahl an verschiedenen zellulären Eiweiss-Molekülen. Etliche Proteine des Zell-Stützskelettes werden zerkleinert, ebenso Proteine, die die DNA noch rasch wieder reparieren könnten, Proteine, die die Zelle in/an ihrer Umgebung verankern, Proteine, die für die Eiweiss-Herstellung nötig sind. Kurzum, alles was eine Zelle im Alltag braucht, wird einfach kurz und klein geschlagen durch aktivierte Todesenzyme. Mit so einem zell-internen Trümmerhaufen, wo einfach nichts mehr funktioniert, kann nur mehr gestorben werden! Es gibt dabei in der Zelle zwei Ausgangspunkte, von wo die Maschinerie des Zelltodes angeschaltet werden kann: 1.) von der Zelloberfläche oder 2.) von den sogenannten Mitochondrien. Das sind kleine, Ei-förmige Energie-Fabriken im Zell-Inneren. Jede Zelle hat Tausende davon. Wird z.B. eine normale Zelle, die friedlich vor sich hin wächst, mit zytotoxischen Substanzen behandelt, dann schädigen die Chemikalien u.a. die dünnen Wände der wackeren, fleissigen Mitochondrien, so dass sie platzen. Dadurch werden jetzt Enzyme aus den Mitochondrien frei gesetzt, die bestimmte Eiweiss-Moleküle, sogenannte Caspasen, aktivieren. Aktivierte Caspasen sind aber die Schlüssel-Enzyme für den ganzen Zelltod. Sie führen die Zerstörung der DNA und anderer Zellbestandteile herbei, wie ich sie oben teilweise aufgelistet habe. Ähnlich funktioniert es auch von der Zelloberfläche her: Störungen an der Zellmembran führen ebenfalls zur Aktivierung von Caspasen. Das Endergebnis ist das gleiche: wichtige Zellstrukturen inklusive der Erbsubstanz im Zellkern werden irreparabel kurz und klein geschlagen. Ist eine Zelle massiven kurzen oder länger andauernden Schädigungen ausgesetzt, dann tun die Caspasen ihre Pflicht und verhindern das Entstehen von abartigen Zellen. Aus Sicherheitsgründen werden daher auch bei jeder normalen, korrekt ablaufenden Zellteilung kurzfristige die Caspasen aktiviert. Für den Fall der Fälle. Sollte die Gefahr einer Krebszell-Entstehung sich anbahnen, stehen die Caspasen schon in ihren Startlöchern.

Naja, wenn der Zelltod ohnedies so sorgfältig und umsichtig geplant und ausgeführt wird, wieso kann dann dennoch eine Krebszelle entstehen? – Eine berechtigte Frage, die der Forschung einiges an Kopfschmerzen und anschliessender Schwerarbeit bereitet hat. Jede Zelle hat die Möglichkeit, die Caspasen selbst wieder unwirksam zu machen. Es gibt derzeit ca. 12 bekannte zell-eigene Caspase-Hemmer. Wahrscheinlich sind es aber noch mehr. Dies sind wieder Eiweiss-Moleküle, die sich unverschämter Weise an die Caspasen kleben und damit ihre Holzhacker-Arbeit verhindern. Krebszellen können nur dadurch entstehen und sich dem vorgesehenen Todesprogramm entziehen, wenn rechtzeitig allerlei Vorsichtsmassnahmen getroffen wurden. Sehr oft findet man in Krebszellen Proteine, die an den Mitochondrien kleben und verhindern, dass sie bei Schädigung platzen. In dieser Situation würde vielleicht Chemotherapie A nicht wirken. Dann aber kann man diese Krebszellen über ihre Zellmembranen mit Hilfe von Chemotherapie B kaputt machen. Haben die Krebszellen aber grosse Mengen an Caspase-Blockern, dann würde weder Chemotherapie A noch B helfen, aber vielleicht Chemotherapie C, die imstande ist, die Caspase-Blocker zu hemmen. Dieser hartnäckige Widerstand von Krebszellen gegen den Zelltod macht es notwendig, hohe Konzentrationen an Chemotherapie einzusetzen. Und damit werden zwangsläufig die normalen, sich häufig teilenden Gewebe ebenfalls stark geschädigt, denn sie können sich gegen die Zytostatika überhaupt nicht wehren. Sie sterben „korrekt“, mit allen schmerzlichen Nebenwirkungen, die viele von Ihnen, liebe Leserinnen, so leidvoll kennen: die Haare fallen aus, der Magen-Darm-Trakt ist schwer getroffen und die Zahl der weissen Blutkörperchen wird drastisch reduziert.

In dem Kampf gegen Krebzellen hat aber unser Körper selbst noch eine scharfe, absolut tödliche Waffe bereit, der sich selbst Krebszellen nicht entziehen können: Lymphozyten. Eine Untergruppe davon sind die kampfesfreudigen zytotoxischen T-Lymphozyten. Sie töten Krebszellen, wenn sie sie erkennen (und das ist der springende Punkt!), ohne Zögern und Federlesen. Diese T-Lymphozyten kleben sich an erkannte Krebszellen an und injizieren gleichsam in die Krebzellen ein bestimmtes Protein, das sie wie eine scharfe Waffe in sich tragen und das Granzym B genannt wird. Injiziertes Granzym B aktiviert machtvoll und massiv die Caspasen in den Krebszellen. Davor gibt es keinen Schutz! Und damit wird prompt, unauffällig und in aller Stille erreicht, was Krebszellen so geschickt verlernt haben: zu sterben. Zelltod ist in diesem Fall etwas Wunderbares!

Wenn ich mich in meinem Mini-Garten so umsehe, mit seinen fleissig blühenden Blümchen im Hintergrund, dem sinnlich-üppigen Rosenstrauch auf der Seite und den armseligen, braunen, vertrocknenden Tulpenblättern gleich vorne, dann gilt meine Aufmerksamkeit auch diesen hässlichen, braunen, müden Blättern. Wie gerne hätten doch die Tulpen mit mir nicht nur die Frühlingstage, sondern auch den Sommer geteilt! Jetzt sind sie vorgelebte Apoptose. Zelltod zum Angreifen. Und zum Begreifen. Ihr genetisches Programm der Apoptose, mit dem sie auch meinen Körperzellen gleichen, zwingt sie zurück in den Boden. Ich werde bis zum nächsten Frühling geduldig auf sie warten.



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Risiko-Einschätzung und Vorsorge-Beratung für Angehörige von Krebskranken am Zentrum für Tumordiagnostik und Prävention in St. Gallen (Juni 2004)

Christoph Rageth, Brust-Zentrum:
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Reinhold Hönle:
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Eliane Sarasin Ricklin, Brust-Zentrum, Zürich:
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Univ. Prof. Dr. med. Christa Cerni, Institut für Krebsforschung der Universität Wien:
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Univ. Prof. Dr. med. Christa Cerni, Institut für Krebsforschung der Universität Wien:
Über Tulpen, den Frühling und welke Blätter (Juni 2002)


PD Dr. med. Christoph Rageth, Brustzentrum Zürich:
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Univ. Prof. Dr. med. Christa Cerni, Institut für Krebsforschung der Universität Wien:
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Dr. med. Felix Jungi, Kantonsarzt St. Gallen und Onkologe und PD Dr. med. B. Thürlimann, St. Gallen:
Osteoporose (Juni 2001; Bulletin 44)


Prof. Dr. med. Richard Herrmann, Leiter der Abteilung Onkologie am Kantonsspital Basel:
Die Nadelgespenster (März 2001; Bulletin 43)


Univ. Prof. Dr. med. Christa Cerni, Institut für Krebsforschung der Universität Wien:
Müde? (Dezember 2000; Bulletin 42)
Wieder neue Lebenskraft schöpfen nach einer schweren Erkrankung kann viel Zeit beanspruchen. LEBEN WIE ZUVOR möchte Sie bei diesem Prozess mit Rat und Tat begleiten.
:)