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Hier veröffentlichen wir regelmässig neue Artikel von Fachpersonen zu medizinischen Themen, die viele an Brustkrebs erkrankte Frauen interessieren.
Univ. Prof. Dr. med. Christa Cerni, Institut für Krebsforschung der Universität Wien: Angst bei Krebs (Juni 2001; Bulletin 44)
Ein bekannter Wiener Psychiater, Prof. Erwin Ringel, hat einmal sehr zutreffend die Angst eines krebsoperierten Menschen beschrieben: "Einmal an Krebs erkrankt gewesen zu sein, ist so, als wäre man in einem stockfinsteren Zimmer mit einem Mörder eingesperrt. Man weiss nicht, in welcher Ecke er sitzt, ob und wann er wieder zuschlagen wird, ob er überhaupt noch da ist oder vielleicht ohnedies schon weggeschlichen ist. Dieser Mensch ist immer auf der Hut, und jedes leiseste Geräusch, jeder Lufthauch, jede erahnte Bewegung in diesem lichtlosen Zimmer wird ihm Angst machen."
Die wissenschaftliche Arbeit, über die ich Ihnen berichten möchte, erschien in der international renommierten Zeitschrift British Journal of Cancer (Britische Zeitschrift für Krebs) und der Artikel heisst "Anxiety in cancer patients" (Angst bei Krebspatienten). Die Publikation erschien im Herbst 2000, im Band 83, Nummer 10, auf Seite 1261-1267. Die Autoren sind D. Stark und A. House, und sie arbeiten an der Universitätsklinik in Leeds, England. Ich habe in dieser Arbeit eine Reihe von Einzelheiten gefunden, die ich berichtenswert halte. Und ich finde es mehr als erfreulich, dass endlich solche elementaren Themen, die doch wirklich jeden Krebspatienten betreffen, Eingang in die medizinische Literatur finden.
Der Artikel versucht zunächst, ein paar grundlegende Begriffe zu definieren. Was ist Angst? Wie macht sie sich bemerkbar? Angst bedeutet eine einschneidende Unterbrechung im Leben und sie verringert die Lebensqualität gewaltig. In der durchschnittlichen (englischen) Bevölkerung haben (je nach Definition) zwischen 3% und 16% der Menschen irgendwelche Ängste. Dieser Prozentsatz ist unter Krebskranken wesentlich höher als bei Menschen mit anderen z.B. chronischen Erkrankungen. Krebs macht Angst, das wissen Sie, liebe Leserin, am besten. Wenn für verschiedene psychologische Tests an gesunden Menschen ein angstmachendes Wort benötigt wird, um dann die körperlichen und seelischen Reaktionen zu prüfen, dann erweist sich das Wort "Krebs" als unschlagbar in seiner Wirkung. Angst hat zahlreiche Symptome und Zeichen. Dazu gehören Überaktivität, Klopfen oder Schlagen mit den Fingern oder Füssen, Schwitzen, Rastlosigkeit, Schreckhaftigkeit, schlechte Konzentration, Muskelverkrampfung, Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Schwindel und vieles mehr. Angst eine natürliche Reaktion auf eine Bedrohung. Auf jede Art von Bedrohung. Umso mehr, wenn es um uns selbst geht. Dement-sprechend zeigt jeder Patient in einem Krankenhaus Angst, und zwar unabhängig von der Erkrankung. Damit diese Angst verschwindet oder zumindest gelindert wird, braucht der betroffene Mensch eines besonders dringend: Information. Information über das, was in ihm passiert ist und das was mit ihm im Zuge der medizinischen Betreuung passieren wird. Natürlich muss die Information auf das Allgemeinwissen des Menschen abgestimmt sein, aber prinzipiell wollen Krebspatienten mehr über ihre Erkrankung wissen. Manches Mal erscheint es sogar erforderlich, ihnen ein bisschen "Krebsforschung" aufzudrängen, denn wenn Patienten zu wenig fragen, besteht die Gefahr, dass sie sich in ihren Gedanken etwas vorstellen, das viel schlimmer als die Wirklichkeit ist. Information über die Erkrankung, die geplanten Therapien und die erwarteten Effekte, selbst wenn es die Nebenwirkungen der Therapie sind, ist daher im Stande, die Angst zu reduzieren.
Man hat mit ausgeklügelten Fragebögen herausgefunden, dass z.B. die Angst vor einer Operation völlig unabhängig von der Diagnose ist. Das heisst, Menschen mit gutartigen Tumoren haben dieselbe Angst und das selbe Ausmass an Angst vor der Operation wie Menschen, die einer Operation wegen einer Krebserkrankung entgegensehen. Diese Angst verschwindet aber sehr rasch nach der Operation. Das bedeutet, dass diese Angst nichts mit der Erkrankung zu tun hat, sondern mit dem chirurgischen Eingriff. Demnach ist ein krebserkrankten Mensch vor der Operation doppelt belastet: er hat Angst vor der Operation (sie vergeht aber rasch) UND vor Krebs (diese Angst wird ihn lange begleiten).
Wussten Sie aber, dass starke, elementare Angst, so wie man sie nach einer schwerwiegenden Diagnose erlebt, dennoch nur 7-10 Tage dauert? Wenn eine Frau oder ein Mann vom Arzt den gefürchteten Satz "Sie haben Krebs" hört, dann kriecht die Angst sehr schnell aus dem Bauch hoch. Für die nächsten 7-10 Tage beherrscht sie alles. Für diese Zeitspanne besteht dieser Mensch nicht mehr aus Fleisch und Blut, sondern nur noch aus Angst. Aber selbst im Falle einer Krebsdiagnose weicht die Angst dann im Laufe der nächsten 2 Wochen etwas zurück und macht Platz für Gegenstrategien. Was nach dem ersten elementaren Angsterlebnis folgt, ist eine individuelle Mischung aus Fassungslosigkeit, Hilflosigkeit, Zorn, Wut, Traurigkeit, Ablehnung, der Frage "Wieso ich?", Zweifeln, ob das nicht am Ende ein böser Albtraum ist, aus dem man hoffentlich gleich aufwacht. Irgendwann dringen dann ein paar dünne Hoffnungsstrahlen in diese absolute Sonnenfinsternis und langsam rüstet sich die Seele zum Abwehrkampf. Die Angst vor Krebs sollte in den nächsten drei Wochen nach der Diagnosestellung deutlich reduziert sein. Bleibt sie nach diesen drei Wochen weiterhin unvermindert bestehen, dann ist zu befürchten, dass sie nach einem halben Jahr noch immer da ist. Und den betroffenen Menschen mit samt seiner Familie hinterhältig tyrannisiert. Normalerweise nimmt aber die Angst innerhalb der ersten Jahre nach der Krebsdiagnose langsam ab. Sie verschwindet aber nie wirklich und wird nie mehr wieder das niedrige Angstniveau der normalen, durchschnittlichen Bevölkerung erreichen. Nein, es gibt kein Leben wie zuvor. Vielleicht fragen Sie sich auch, ob man in Bezug auf die Krebsangst Altersunterschiede gefunden hat zwischen jüngeren und älteren Frauen. Nein, solche Unterschiede gibt es nicht. Die Angst kennt keinen Altersunterschied und sie peinigt in jeder Altersstufe im selben Ausmass.
Auch die diversen Nachbehandlungen erzeugen – zu Recht – Angst. Erstaunlicherweise hängen sehr oft die unvermeidbaren Nebenwirkungen der Chemotherapie weitgehend von der Angst des betroffenen Menschen ab. Umgekehrt haben manche Frauen nach dem Ende der Bestrahlung mehr Angst als zu Beginn, weil sie sich nun ohne Bestrahlung weniger geschützt wissen. Nur wenn nach der Operation überhaupt keine Nachbehandlung erfolgt, dann kann die Angst unter Umständen unerträglich werden, nämlich, wenn diese Nicht-Behandlung als absolute Hoffnungslosigkeit des eigenen Falles interpretiert wird.
Das alles ist "normale" Angst bei einer Krebserkrankung. Daneben gibt es aber auch abnorme Angstreaktionen, die ebenfalls besonders bei Krebspatienten zu finden sind. Die WHO hat diese pathologische Angst auf grund ihrer vorherrschenden Symptome in mehrere Kategorien ge-teilt. Am ehesten lassen sich diese verschiedenen pathologischen Angst-Erscheinungsbilder unter dem Begriff "Unangemessenheit" zusammenfassen. Es klafft hier die objektive Realität mit dem subjektiven Empfinden auseinander. Es ist natürlich schwierig – wie immer in Dingen, die die Seele betreffen – hier starre Grenzen zu ziehen. Wer kann schon messen oder beurteilen, ob ein Mensch sich nun "angemessen" oder "unangemessen" vor Krebs fürchten? Dementsprechend schwierig und fliessend ist auch die Unterscheidung zwischen "normaler" und "abnormaler" Angst. Aber wenn Monate nach einer erfolgreichen Operation wiederholt Panikattacken auftreten, Zwangsgedanken, Gedanken an einen plötzlichen Tod, schwere Depressionen und/oder schwere physische Symptome, dann hat sich die Angst verselbständigt. Sehr häufig wird dies aber vom Arzt nicht richtig interpretiert. Er sieht einen ängstlichen Menschen vor sich, der sich vor seiner Wiedererkrankung fürchtet. Er versichert daher diesem Patienten ganz aufrichtig und in voller Überzeugung, dass alles in Ordnung sei, und er meint, dass ihn dies doch wohl nun beruhigen müsse. Tatsächlich verstärkt diese Art von Beruhigung aber nur die Angst weiter. Spätestens nach einigen Tagen ist sie wieder in voller "Pracht" da, und der geplagte, gepeinigte Mensch wird den nächsten Arzt aufsuchen. Was in solchen Situationen von Nöten wäre, wäre zu hinterfragen, was die Ursache für die bestehende Angst sein könnte und eventuell mit entsprechenden Medikamenten einzugreifen. Sehr oft ist in solchen Fällen dauernder Angst auch die Familie mit involviert, und es ist eine Belastung für alle.
Während das alles, was ich bis hierher zu dem Thema Krebs und Angst beschrieben habe, weitgehend von unserem seelischem Make-up und unseren eigenen Gegenstrategien dagegen abhängt, gibt es noch einen wesentlichen Angstfaktor, der ausserhalb unseres Einflussbereiches liegt: Es besteht nämlich ein direkter Zusammenhang zwischen Angst und einer mangelhaften Kommunikation zwischen Patient und medizinischem Personal. Die Autoren der Publikation weisen darauf hin, dass diesem Thema sowohl theoretisch als auch praktisch bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, und sie geben für eine Verbesserung dazu folgende Empfehlungen ab:
1.) Es ist hilfreich, dem Patienten das zu erklären, was im Zentrum seiner (und nicht des Arztes) Aufmerksamkeit ist. 2.) Information hilft, die Angst abzubauen, da Angst sehr oft durch unkorrekte Information entsteht. 3.) Das Gespräch mit einem ängstlichen Patienten ist oft schwierig. Eine reine Bestätigung seiner Hoffnungen, dass ohnedies alles in Ordnung ist, hilft nicht oder nur kurzfristig. Im Gegenteil, es schürt die Angst. Die Aufmerksamkeit hat der Besorgnis des Patienten gewidmet zu sein, nicht nur den geäusserten Symptomen.
Ich hoffe, liebe Leserin, dass Sie das alles gar nicht mehr betrifft und wenn doch, dass Sie von Menschen betreut werden, die all das entweder instinktiv wissen und können oder vielleicht diese Publikation auch gelesen haben. Sollte das aber nicht der Fall sein, dann bleibt Ihnen zum erfolgreichen Angstabbau noch immer das Bulletin, nicht wahr!
PD Dr. Nicole Bürki: Familiärer Brust- und Eierstockkrebs (Juli 2010)
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lic. phil. I Verena Riedo: Therapiebedarf in der Onkologie - Eine Studie der Lukas Klinik Arlesheim (Juli 2010)
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Prof. Dr. Ch. Rochlitz: Was ist HER2? (Juni 2006)
Besuch im Brust-Zentrum (Juni 2006)
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Univ. Prof. Dr. med. Christa Cerni, Institut für Krebsforschung der Universität Wien: Angst bei Krebs (Juni 2001; Bulletin 44)
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Wieder neue Lebenskraft schöpfen nach einer schweren Erkrankung kann viel Zeit beanspruchen. LEBEN WIE ZUVOR möchte Sie bei diesem Prozess mit Rat und Tat begleiten. |
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