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Hier veröffentlichen wir regelmässig neue Artikel von Fachpersonen zu medizinischen Themen, die viele an Brustkrebs erkrankte Frauen interessieren.



Prof. Dr. med. Richard Herrmann, Leiter der Abteilung Onkologie am Kantonsspital Basel:
Die Nadelgespenster (März 2001; Bulletin 43)


Nun geistern sie wieder herum und treiben landauf landab ihr Unwesen. Die Rede ist von den Nadelgespenstern. Es geht um unsere Arme und die zentrale Frage lautet: Sollen wir oder sollen wir nicht? Stechen oder nicht stechen lassen? Am vergangenen Treffen der Selbsthilfegruppe haben wir Aussagen gesammelt von Hausärzten, OnkologInnen, Chirurgen, GynäkologInnen, Krankenschwestern – und waren am Schluss zutiefst verunsichert. Was ist eigentlich richtig? Wie sollen wir uns verhalten? Die meisten von uns werden nach der Operation aus dem Spital entlassen mit der eindringlichen Ermahnung, wir sollten uns niemals auf der betroffenen Seite stechen oder Blutdruck messen lassen.

Eine Frau berichtete von der Reaktion ihrer Krankenschwester: „Gut, dass Sie es mir gesagt haben. Selbstverständlich steche ich nicht auf der operierten Seite“. Eine andere zitierte ihren Arzt: „Ach wissen Sie, das ist ein alter Zopf.“ Eine dritte Frau, die ihren Arm tapfer vor der Spritze verteidigt hatte, musste sich sagen lassen: „Tun Sie jetzt nicht so. Das macht doch nichts.“ Jemand erzählte, wie sie erst belächelt worden sei und schliesslich in der „Zicken-Ecke“ landete. Eine weitere Aussage lautete: „Blut raus: ja; Chemo rein, nein.“

Wir kamen nicht weiter. Beinahe so viele Meinungen wie Frauen in der Runde sassen. Was ist heute State of the Art? Und gibt es denn keine Unité de doctrine? Welches sind die neuesten Erkenntnisse? Wie handelt eine beidseitig operierte Frau? Wie verhält es sich nach einem „Sentinel Lymph Node“-Eingriff? Und zum Stichwort „Qualitätssicherung“: Wie wird sichergestellt, dass die neuesten Erkenntnisse jedem Arzt und jeder Ärztin, Krankenschwester usw. bekannt werden, so dass dieses Wissen in der einzelnen Praxis umgesetzt und angewendet werden kann?

Was jetzt? Ich schicke ein Hilfe-Mail an den „Ort des Stechens“, zu Professor Richard Herrmann, den Leiter der Abteilung Onkologie am Kantonsspital Basel.

Hier seine Antwort – und vielen lieben Dank!

AmaZone


Antwort von Prof. Dr. med. Richard Hermann:

Vielen Dank für Ihre Anfrage per mail, die ich im folgenden zu beantworten versuchen möchte:

Ich kann sehr gut verstehen, dass die unterschiedlichen Aussagen der behandelnden Ärzte erhebliche Verwirrung auslösen.
Das Lymphsystem, welches aus kleinsten Kapillaren und grösseren Gefässen sowie Lymphknoten besteht, hat zur Aufgabe, Flüssigkeit und Eiweissstoffe aus dem Gewebe in den Blutkreislauf zurückzuführen. Wenn die Lymphknoten der Achselhöhle im Rahmen einer Brustkrebsoperation entfernt worden sind, ist dieser Abfluss gestört. In aller Regel findet der Lymphtransport trotzdem noch statt über Umgehungskreisläufe, es kann aber vorkommen, dass ein sogenanntes Lymphoedem auftritt, und das Lymphoedem entsteht, wenn die Lymphflüssigkeit nicht genügend abtransportiert werden kann. Das Risiko, dass ein Lymphhoedem entsteht, ist abhängig vom Ausmass der Lymphknotenentfernung, einer möglichen zusätzlichen Bestrahlung der Achselhöhle, von Infektionen des Arms, aber auch vom Alter.

Wenn eine Infektion am Arm auftritt, kann das geschwächte Lymphsystem so überfordert sein, dass eine Oedem entsteht. Dies ist der wesentliche Grund, warum man Patientinnen nach Entfernung der axillären Lymphknoten empfiehlt, am betroffenen Arm keine Injektionen vornehmen zu lassen. Dazu kommt noch, dass beim Stauen (auch beim Blutdruckmessen) der Lymphabfluss zusätzlich gehemmt wird. Das Lymphsystem wird weiterhin besonders beansprucht, wenn z.B. Medikamente, die in die Vene gespritzt werden sollte, paravenös gehen und im Gewebe landen. Auch eine solche Komplikation möchte man vermeiden, um das Entstehen eines Lymphoedems zu verhindern.

Natürlich sind diese Empfehlungen auch immer relativ zu sehen. Wenn z.B. eine Blutentnahme ohne grosse Stauungsaktion und unter absolut sterilern Bedingungen am betroffenen Arm stattfindet, kann aus meiner Sicht dagegen nichts eingewendet werden, wenn eine Blutentnahme anders nicht möglich ist.

Es gilt also in jedem Falle, vor einer Manipulation am betroffenen Arm abzuwägen einerseits das Risiko, eine Verletzung und eine Infektion zu verursachen, und andererseits das Risiko, durch eine Blutentnahme oder eine Infusion an anderer Stelle eine Komplikation zu produzieren.

Ich hoffe, dass ich mich einigermassen verständlich ausgedrückt habe, und stehe für Fragen gerne zur Verfügung.



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Wieder neue Lebenskraft schöpfen nach einer schweren Erkrankung kann viel Zeit beanspruchen. LEBEN WIE ZUVOR möchte Sie bei diesem Prozess mit Rat und Tat begleiten.
:)