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Hier veröffentlichen wir regelmässig neue Artikel von Fachpersonen zu medizinischen Themen, die viele an Brustkrebs erkrankte Frauen interessieren.



Univ. Prof. Dr. med. Christa Cerni, Institut für Krebsforschung der Universität Wien:
Müde? (Dezember 2000; Bulletin 42)


Auf der Suche in meinem Literaturberg, den ich in den letzten Monaten wieder zusammengetragen habe, bin ich auf eine wissenschaftliche Publikation gestossen, von der ich meine, dass sie für den Jahresbeginn mitsamt seinen Vorsätzen ganz gut geeignet ist. Der Artikel beschäftigt sich schlicht und einfach mit der Müdigkeit nach Brustkrebsoperation. Ich finde es erfeulich, dass eine Reihe von Ärzten und Forschern sich nicht nur mit den medizinischen Problemen befassen, sondern sich zunehmend auch dem Allgemeinbefinden der Menschen annehmen. Und dass solche Studien auch Eingang in die hehre Wissenschaftsliteratur finden, ist noch erfreulicher. Also, ein sinnvoller Neujahrsvorsatz lässt sich aus diesem Artikel zwar nicht so ohne weiteres ableiten, aber diese Veröffentlichung besagt, dass Müdigkeit – auch Jahre nach einer Brustkrebsoperation und anschliessender Nachbehandlung – einfach "normal" ist. Es erscheint mir deshalb wichtig, Ihnen darüber jetzt zu erzählen, damit Sie nicht versucht sind, solch gute Vorsätze wie z.B. "ich muss mehr tun", "ich muss endlich die Nachbarn wieder zum Essen einladen", "ich muss endlich den Kleiderkasten ausmustern", "ich muss....", "ich muss......." in ihr Neujahr-Wunschprogramm einzubauen. Nein, Sie müssen gar nicht. Wenn Sie sich müde fühlen, dann sind Sie eben müde und haben ein Recht darauf. Müde sein gehört – so steht es in dieser Publikation - auch noch nach Jahren einer Brustkrebserkrankungen bei vielen Frauen einfach dazu. Selbst wenn Sie schon längst wieder gesund sind und der Schrecken über die Diagnose, Operation und Nachbehandlung schon in einige Entfernung gerückt ist. Ich dachte mir, wenn Sie, liebe Leserin, wissen, dass Müdigkeit zur Brustkrebserkrankung offenbar dazugehören kann, dann wird das Neue Jahr nicht von vorne herein belastet sein mit solchen schwer umzusetzenden Vorsätzen nach mehr Aktivität, nach mehr Energie. Seien Sie einfach müde und "faul"! Dieser Bulletin-Beitrag soll daher ein Freibrief zur Hingabe an das Nichts-tun für manche von Ihnen sein. Diejenigen Leserinnen unter Ihnen, die aber vor Energie strotzen und für die das alles kein Thema ist, können sich das Weiterlesen sparen und die so gewonnene Zeit natürlich– ebenso lustvoll –ihren vor- und nach-weihnachtlichen Aktivitäten widmen. Die Müden unter Ihnen lade ich herzlichst zum Weiterlesen ein.

Die Publikation, über die ich Ihnen berichten möchte, erschien heuer in der angesehenen wissenschaftlichen amerikanischen Zeitschrift Journal of Clinical Oncology, Band 18, Nummer 4, Seite 743-753. Die Zeitschrift wird von der amerikanischen Gesellschaft für Klinische Onkologie herausgegeben. Der Titel der Arbeit lautet "Fatigue in breast cancer survivors: occurrence, correlates, and impact on quality of life" (="Müdigkeit bei Brustkrebspatienten: Vorkommen, Zusammenhänge und Auswirkungen auf die Lebensqualität"). Die Autoren sind Julienne Bower, fünf weitere amerikanische Frauen und ein Mann.

Erhöhte Müdigkeit ist eine der häufigsten Nebenwirkungen bei der Krebsbehandlung ganz allgemein. Mehr als 70% von Krebspatienten, die mit Chemotherapie oder Bestrahlung behandelt wurden, klagen darüber. Bei Brustkrebs-operierten und entsprechend nachbehandelten Frauen ist der Prozentsatz sogar bis zu 99%! Vor allem, wenn eine Chemotherapie an die Operation angeschlossen wurde, dann wurde die Müdigkeit als besonders belastend empfunden. Nun ist müde nicht gleich müde, und es gibt ja eine grosse Bandbreite zwischen "ein bisschen" bis zu "ausserordentlich". Ungefähr zwei Drittel der Brustkrebs-operierten Frauen stuften ihre Müdigkeit vor allem während der Therapien als mittel bis schwer ein. Nun sollte man aber meinen, dass eine gewisse Zeit nach Ende aller belastenden Behandlungsmassnahmen irgendwann wieder der Normalzustand "nicht müde" eintritt und damit alles wieder so ähnlich flott abläuft, wie vor der Diagnose. Erstaunlicherweise ist das aber nicht der Fall. Ungefähr ein Drittel der Frauen bleibt einfach müde und damit wenig belastbar. Nicht nur Monate nach der abgeschlossenen Behandlung, nein, selbst noch Jahre danach stellt sich noch immer kein "Leben wie zuvor" ein. Die Müdigkeit sitzt hartnäckig tagaus-tagein in allen Knochen und ist einfach nicht los zu bringen. Sollten Sie, liebe Leserin, zu dieser Gruppe gehören, verzagen Sie nicht. Sie sind nicht allein!

Für die Studie, über die ich Ihnen berichten will, wurden Brust-operierte Frauen aus zwei grossen amerikanischen Städten, Washington und Los Angeles, eingeladen. Die Frauen, deren Operation und Nachbehandlung zwischen 1 und 5 Jahre zurücklag und die nach allen klinischen Kriterien wieder gesund waren, erhielten ausgeklügelte, sehr detaillierte Fragebögen zu den verschiedensten Ursachen von Müdigkeit. Es wurde dabei nichts ausgelassen: körperliche Beschwerden (z.B. Wallungen, Unkonzentriertheit, Narbenbeschwerden usw.), zusätzliche Erkrankungen (z.B. Rheuma, Diabetes usw.), Hormoneinnahme (z.B. Tamoxifen), familiäre und finanzielle Situation, psychische Einschränkungen durch die Brustkrebs-Operation, Berufstätigkeit und –fähigkeit, Schlafgewohnheiten, Neigung zu Depressionen usw.usw. Es nahmen insgesamt 2000 Frauen an dieser Studie teil, die im Juni 1997 abgeschlossen und anschliessend ausgewertet wurde. Das Durchschnittsalter der Frauen war 55 Jahre, und die meisten hatten Operation + Bestrahlung hinter sich. Die Hälfte der Frauen nahm Tamoxifen.

Zunächst hat man angenommen, dass eine Antriebslosigkeit und/oder ein Energieverlust nach einer Brustkrebsoperation wohl mit den Nachwirkungene der Therapie zusammenhängt. Oder mit der Unsicherheit. Oder mit der Angst vor einem Rückfall. Das hat sich aber als unrichtig herausgestellt. Die Folgen der Operation und Nachbehandlung waren nur im ersten post-operativen Jahr in Bezug auf körperliche Erschöpfung und Müdigkeit zu finden. Ab dem 2. Jahr ging es im allgemeinen bergauf! Es mussten daher andere Ursachen dafür ausschlaggend sein. Die ausgearbeiteten Fragebögen umfassten daher 3 Gebiete: körperliches Befinden, seelisches Befinden und soziales Umfeld. Zu jedem Fragekomplex gab es eine Menge an Einzelfragen. Die Beantwortung der Fragen erfolgte in einer 100-Punkteskala: 100 Punkte für "absolut gut" und 0 Punkte für "absolut schlecht". Alles, was daher dann im Durchschnitt von den Frauen mit über 50 Punkte bewertet wurde, war relativ gut. Was im Durchschnitt unter 50 Punkten erhielt, war relativ schlecht. Als Vergleich wurden die Daten aus einer ähnlichen Studie mit gesunden Frauen, die aber ein erhöhtes Brustkrebs-Risiko hatten, herangezogen. Eine der wesentlichen Aussagen aus diesem Vergleich war, dass Frauen, die sich müde, abgeschlagen und energielos fühlten, dies als eine beträchliche Einschränkung ihrer Lebensqualität empfanden. Es waren dies eher jüngere Frauen, die auch etwas geringere Einkommen hatten als die "Energiebündel" unter ihren Leidensgenossinnen. In dieser Gruppe wurde auch vermehrt über Kopfschmerzen, Herzbeschwerden und rheumatische Gelenkserkrankungen geklagt. Auch diejenigen, die Tamoxifen nahmen, fühlten sich im Durchschnitt etwas müder als diejenigen, die unter keiner Anti-Hormon-Therapie standen.

Es war überraschend, dass vor allem die Wallungen und die nächtlichen Schweissausbrüche eindeutig bei den müden Frauen vorherrschten, während diese Beschwerden bei den nicht-müden Frauen wesentlich seltener angegeben wurden. Diese Beschwerden waren aber weniger auf die Einnahme von Tamoxifen zurückzuführen, sondern auf die lästigen, und so herzlich überflüssigen Wechseljahr-Beschwerden. Vor allem die Schweissausbrüche in der Nacht scheinen das Wohlbefinden am Tag ganz wesentlich zu beeinflussen: die Gruppe der Frauen, die unter den Nachtschweiss-Attacken litt, beklagte sich bitter über ihren schlechten Schlaf. Und dass das dann zu Müdigkeit untertags führt, ist ja naheliegend. Bei einer gar nicht so kleinen Gruppe war die Müdigkeit auch mit Depressionen verbunden. Das Gefühl "Alles, was ich mache, ist eine Anstrengung für mich" und "Ich komme einfach nicht in Schwung" waren charakteristische Aussagen. – Diese Studie, die meines Wissens nach die erste ist, die sich so umfassend mit diesem Alltagsproblem beschäftigt, hat gezeigt, dass es viele, sehr verschiedene Ursachen gibt, warum Frauen auch lange Zeit nach der Brustkrebsoperation sich noch immer müde fühlen. Und dass Sie dabei nicht alleine sind. Natürlich wäre es ratsam, demnächst - gemeinsam mit Ihrem Arzt - zu versuchen, die eine oder andere Ursache dafür vielleicht auszuschalten. Auch "Austricksen" ist erlaubt, wenn es um das körperliche Wohlbehagen geht! Für diverse Tips und Tricks bietet uns das Bulletin eine geradezu prädestinierte Plattform! (Ich werde in meiner Literatursammlung ebenfalls nach solchen Tips suchen.)

Sollten Sie, liebe Leserin, ausgerechnet zu dieser Gruppe von Frauen gehören, bei der körperliche Beschwerden, schlechter Schlaf und vielleicht sogar eine depressive Grundstimmung zusammenfallen, dann dürfen Sie zu recht müde sein. Kämpfen Sie nicht dagegen an! Gönnen Sie sich einfach in Zukunft mehr Ruhe, mehr Entspannung, mehr Pausen. Geniessen Sie das Nichts-tun! Und vor allem: ohne schlechtes Gewissen!

Mit diesem Plädoyer für den süssen Müssiggang wünsche ich Ihnen eine ganz gute Zeit!



PD Dr. Nicole Bürki:
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Prof. Dr. med. Gerd Nagel:
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Ingrid Menz, Vorstandsmitglied:
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Risiko-Einschätzung und Vorsorge-Beratung für Angehörige von Krebskranken am Zentrum für Tumordiagnostik und Prävention in St. Gallen (Juni 2004)

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Eliane Sarasin Ricklin, Brust-Zentrum, Zürich:
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Univ. Prof. Dr. med. Christa Cerni, Institut für Krebsforschung der Universität Wien:
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Univ. Prof. Dr. med. Christa Cerni, Institut für Krebsforschung der Universität Wien:
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Univ. Prof. Dr. med. Christa Cerni, Institut für Krebsforschung der Universität Wien:
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Wieder neue Lebenskraft schöpfen nach einer schweren Erkrankung kann viel Zeit beanspruchen. LEBEN WIE ZUVOR möchte Sie bei diesem Prozess mit Rat und Tat begleiten.
:)