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Hier berichten an Brustkrebs erkrankte Frauen von ihren Erfahrungen: leidvollen, aber auch hoffnungsvollen. Die Erfahrungsberichte zeigen, dass wir alle unsere ureigene Art und Weise haben, mit unserer Krankheit umzugehen. Keine ist besser oder schlechter. Wir hoffen, dass auch Ihnen die folgenden Berichte Mut machen und Sie auf Ihrem eigenen Weg bestärken.

Falls Sie einen Erfahrungsbericht beifügen möchten, schicken Sie Ihren Beitrag bitte per E-Mail an [email protected].

Die Erfahrungsberichte werden auf Wunsch auch anonym veröffentlicht.

Vielen Dank!



Winterzauber
Annina


Winterzauber Annina
Liebe Frauen
Dieses Jahr hat uns der Winter schon ganz früh mit seinem Zauber beschenkt. Man konnte es kaum fassen. Bei der Einen oder Anderen lagen viel-leicht noch die Sommerbräune und der Geschmack von Salz auf der Haut. Trotz dem Nachtrauern der Sommerwärme…wer könnte sich dem Zauber der ersten Schneeflocken entziehen! Wie kann man anders als staunend vor diesen weichen, sanften Flocken stehen und sich jedes Mal wieder ein bisschen Kind fühlen im Angesicht der weissen Pracht. Da zieht`s vermutlich fast Jede raus in die Natur, möchte man doch spüren wie sich die Flocken auf die Nasenspitze legen, dort schmelzen und runter rinnen zum Mund um dort auf-gesogen zu werden.
„Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“
H.D.Thoreau
Diese Sätze sind 1845 von H.D.Thoreau geschrieben worden, nachdem dieser sich für zwei Jahre in eine Blockhütte zurückgezogen hatte um sich der Natur- und vor allem der Lebensbetrachtung zu widmen.
Und wenn man diese Worte als Motto nähme? Nicht das Zurückziehen in die Wälder, sondern das: „…aussaugen des Mark des Lebens“. Ich vermute, dass sich Herr Thoreau in die Wälder zurückgezogen hat um alles Unwesent-liche aussen vor zu lassen. Um sich ganz dem, was wesentlich ist widmen zu können. Um sich auf das:“…was Leben ist“ besinnen zu können.
Wenn man mit dem Krebs lebt, ist der totale Rückzug in die Einsamkeit viel-leicht nicht gerade das Richtige. Zumindest nicht für alle. Aber den Drang, die verbleibende Zeit nicht mit Unwesentlichem zu vertun, sondern: „…alles Mark des Lebens auszusaugen“ kenne ich sehr gut. Ihr auch?
Gemäss diesem Motto würde man dann vielleicht:

…..nachdem man seinen Kontakten die Festnetznummer zur Erinnerung geschickt hat, den Laptop für 3/5/7 Tage zuoberst auf den Schrank legen und ganz hinten an die Wand schieben, das Natel gleich dazulegen und sich dar-über wundern, wie lange 24 Stunden in „Wirklichkeit“ doch sind.
…..beim Bestellen des heissen Tees die Verkäuferin fragen, ob man mal an der Büchse mit dem Namen: „Winterzauber“ riechen dürfte? Hmmmm…und an der Büchse mit dem Namen: „Nussknacker“? Leeeecker…und an der Büchse da ganz oben auf dem Regal, ja, genau die? Und an der? Und an der…? Bis man merken würde, dass ob dem Riechen und den schwärmerischen Beschreibungen der netten Verkäuferin, der Pappbecher mit dem bestellten Kräutertee nur noch lauwarm ist, man sich das Herz aber mit den Düften und dem Lächeln der mitschwelgenden Verkäuferin, wieder für ne Weile aufgewärmt hat.
…..eine Woche lang keine Gratiszeitungen in die Hand nehmen, sondern am Sonntag in die gemütliche Bibliothek gehen und eine Wochenzeitung von Anfang bis Ende lesen, inklusive aller kleinen Berichte, Kolumnen und Anzeigen.
…..im Zug der Frau auf dem Sitz gegenüber sagen, wie wunderschön ihre Ohrenringe sind anstatt dies nur zu denken.
…..eine Freundin die weiter weg wohnt und die deshalb ein bisschen in Vergessenheit geraten ist anrufen und ihr sagen, wie sehr man sie mag anstatt sich wie immer zu fragen, ob dies angebracht ist und wie die Andere wohl reagieren wird.
…..die Nachbarin um Mehl bitten, obwohl man welches im Haus hat, ein Blech voll wunderbarer Kekse nach Art der eigenen Urgrossmutter backen und danach, Mehl und einen schönen Teller Kekse vor der Türe der Nachbarin deponieren.
…..den Zeigefinger mit geschlossenen Augen über die Seite mit den Museen/Kinos/Theatern gleiten lassen und irgendwo anhalten. Die entsprechende Veranstaltung bei der nächstmöglichen Gelegenheit besuchen und sich über-raschen lassen von dem was die Kunst einem vielleicht noch zu sagen hat.
…..das verstaubte Skizzenheft nach vorne kramen, es mit einem Set Bleistifte verschiedener Dicke in die Handtasche legen, auf den Bahnfahrten mit raschen Strichen die Landschaft aufs Papier zaubern und bei wachsendem Mut, sich auch mal an einem der spannenden Gesichter die entfernter sitzen versuchen und sich überraschen lassen, vom aufblitzen des verschüttet geglaubten Talents und von der Lust die damit verbunden ist.
…..in die Esspressomaschiene neben dem Kaffeepulver auch ein wenig Orangenschale und zwei leicht zerstampfte Kardamonkapseln legen, wie man es scheinbar in Arabien tut laut dem eben gelesenen Buch auf dem Nachttisch und merken, dass der Kaffee auf diese Art schon ein wenig nach Weihnachten schmeckt.
…..mitten am Tag das leichte Frösteln bemerken, dass einem die Wirbelsäule hinaufkriecht, die Badezimmerfenster mit roten Tüchern verhängen, Kerzen auf den Wannenrand stellen, eine CD mit Entspannungsmusik anstellen, Milch und Honig (diese Verschwendung sei für einmal verziehen ? ) in die Wanne geben, sich ins Wasser gleiten lassen und vom Meer träumen, anstatt das Frieren den ganzen Tag zu ignorieren.
…..sich wieder mal auf den Rücken eines Pferdes setzen und staunend fest-stellen, dass der Duft der Freiheit sich immer noch einstellt sobald man sich in den Sattel geschwungen hat und wie gut es tut, wieder mal daran zu schnuppern.
…..die kritische Stimme im Innern bitten, mal für einen Tag den Fokus weg zu nehmen von all dem worin man: zu langsam, zu vergesslich, zu ungenau, zu schlecht ist und das Augenmerk auf die vielen Dinge zu richten die man: gut gemacht hat, erreicht hat, die wunderschön sind und das eigene Herz und das der Anderen wärmen.

Denn: liebe Frauen, eins der Dinge die frau nötig hat im Angesicht dieser, (von den Anthroposophen als „kalte“ Krankheit bezeichnete) Krebserkrankung, sind Dinge die einem das Herz erwärmen und uns fühlen lassen, dass wir noch LEBENDIG sind. Welche Jahreszeit wäre da nicht besser geeignet als der zauberhafte Winter. Wenn wir unsere Seelen nicht mehr in die milde Frühlingsluft, die flirrende Sommerhitze oder zwischen die die goldenen Herbstblätter hängen können damit sie sich wärmen, sondern immer wieder kleine magische Feuer der Freundschaft, Sympathie, Schönheit, des sinnlichem Erlebens, des Wissens, der Erkenntnis und der Familienbande entfachen dürfen.
Selbstverständlich kann eine der oben beschriebenen Aktionen auch gewaltig in die Hosen gehen. Das ist das Risiko. Das ist der Preis, den man vermutlich für ein wahrhaft gelebtes Leben zahlen muss/darf.
Das Bad mitten am Tag lässt uns vielleicht einen Termin verpassen, die Nachbarin reagiert vielleicht nicht sofort auf die Kekse vor ihrer Tür, der Kontakt zur fast vergessenen Freundin stellt sich vielleicht nicht wieder dauerhaft her usw. Anderseits hab ich so ne Ahnung, dass uns gerade jenseits der ausgetretenen Pfade der Gewohnheit, der Pflichterfüllung und der Missachtung des Körpers und seiner Sinne, das Leben die eine oder andere Überraschung bereit hält. Wäre doch schade diese zu verpassen, oder?
Die Liste der Dinge, die sich lohnen zu tun weil sie so nah dem sind: „was Leben ist“, wird für jede Frau anders aussehen.
Das Leben lässt sich meiner Meinung nur dort finden, wo es stattfindet. In der Sinnlichkeit, dem Sinnvollen, in der menschlichen Wärme, im Zusammenhalt , in der Zuwendung und den Kontakten.
In diesem Sinne wünsch ich allen Frauen eine wunder-bare Vorweihnachtszeit voller zauberhafter Begegnungen. Annina



Zusammen zurück ins Leben / Ein Erfahrungsbericht zur Arbeitstagung von Leben wie zuvor
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:)