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Hier berichten an Brustkrebs erkrankte Frauen von ihren Erfahrungen: leidvollen, aber auch hoffnungsvollen. Die Erfahrungsberichte zeigen, dass wir alle unsere ureigene Art und Weise haben, mit unserer Krankheit umzugehen. Keine ist besser oder schlechter. Wir hoffen, dass auch Ihnen die folgenden Berichte Mut machen und Sie auf Ihrem eigenen Weg bestärken.

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"Venedig ist....
Claudine


„Venedig ist… Claudine

… ein Fisch“,
so heisst der Reiseführer von Tiziano Scarpa.
Scarpa ist gebürtiger Venezianer und sein Buch hat rein gar nichts gemeinsam mit den handelsüblichen Führern. Tatsächlich kann man beim Betrachten der Landkarte Venedigs die Form eines Fisches erkennen. Die Kopfpartie liegt im Westen, der Fischschwanz im Osten und in der Brücke, die Venedig mit dem Festland verbindet sieht Scarpa eine Angelschnur, die den Fisch festhält.

Das Taschenbuch ist ideal für die Vorbereitung meiner Generationenreise in die Lagunenstadt, für Grosseltern, Eltern und Kinder! Ein Vorhaben, auf das ich mich sehr freue. Im Vorfeld der Reise lese ich das Buch „Venedig erobert die Welt“ von Roger Crawley, ein ausführliches 350 Seiten schweres Werk, das als Reiselektüre nicht unbedingt geeignet ist. Für Geschichtsinteressierte ist es empfehlenswert.
Wer Donna Leons Commissario Brunetti mag, kann auch diese Lektüre als Vor- oder Nachbereitung nehmen. Ich mache mir jeweils über die Lage der Handlungsorte anhand eines Stadtplanes ein Bild.

Nun zurück zu Scarpa: in seinem Buch lädt er dazu ein, den Stadtplan beiseite zu legen und den Schönheiten und Besonderheiten Venedigs so quasi zufällig zu begegnen. Die Kapitel des Buches scheinen auf den ersten Blick nichts mit dieser besonderen Stadt zu tun zu haben, es geht um Füsse, Beine, Herz, Hände, Gesicht, Ohren, Mund, Nase und Augen, dann um eine Reihe Buchempfehlungen und auf den hintersten Seiten finden wir den Text zu einem Minihörspiel.

Es lohnt sich auf jeden Fall, Venedig im Sinne Scarpas zu erleben, nicht ausschliesslich, aber doch zur Hauptsache.

Die Füsse. Ja, die sind selbstverständlich gefordert. Aber die Steinplatten (auf denen man übrigens nicht ausrutscht) erweisen sich als fussfreundlich. Die Kinder können sich frei bewegen, nirgends droht motorisierter Verkehr. Die einzigen rollenden Vehikel sind die zweiräderigen Schubkarren, mit denen sämtliche Güter des täglichen Bedarfs durch die Gassen transportiert werden. Zum Markusplatz mit Basilika, Uhrenturm und Dogenpalast führen von überall her gelbe Hinweisschilder.

Die eindrücklichsten Zeugen der ehemaligen Handelsmacht „Stato da Mar“ können wir auch bei grauem Wetter begehen und bewundern und die Kinder können auf der Piazza San Marco ihrem Bewegungsdrang freien Lauf lassen. Abends sind fliegende Händler da. Sie schleudern blauleuchtende Propellerchen in den Himmel, die wirbelnd zur Erde zurückkehren und kaum ein Kind wird den Platz ohne dieses Spielzeug verlassen wollen.

„Acqua alta“ erleben wir nicht, das Wasser kommt von oben auf uns herab, das Meerwasser steigt nicht mehr als normal an. Aber überall stehen die Stege aufgeschichtet, bereit für den Notfall. Auch meine Gummistiefel wären einsatzbereit. Doch wir kommen einigermassen trockenen Fusses durch unsere Tage in Venedig.

Nun zu den Beinen. Die erste Bein-Erfahrung machen wir auf der leicht schaukelnden Anlegestelle des Vaporetto beim Bahnhof und anschliessend auf der Fahrt durch den Canale Grande. Man kann sich fragen, ob es nicht eher ein Test für unsere Gleichgewichtsorgane ist. Beintraining beschert das Überqueren (oder sollte es heissen Übersteigen?) der vielen Brücken. Für die Kinder ein Spiel, für alte Menschen mit Einschränkungen eine grosse Herausforderung. Fest steht, dass RollstuhlfahrerInnen keine Chance haben, sich in Venedig frei fortzubewegen.

Im Dogenpalast ist Treppensteigen sowieso angesagt, das Gebäude ist weitläufig. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, nicht nach Hause zurückzukehren, ohne das riesige Gemälde von Tintoretto im Thronsaal der Dogen bewundert zu haben. Aber auch die Kinder haben einen Wunsch: sie lassen es sich nicht nehmen, über die Seufzerbrücke zu gehen für einen Abstecher ins Gefängnis. Ein bisschen Gruseln muss wohl sein und alle sollen auf ihre Rechnung kommen.

Das Kapitel Hände gehört vor allem den Kindern. Alles Mögliche müssen sie anfassen: die Balustraden der Brücken, die Scheiben der Schaufenster und gläserne Nippes entlang der Strassen von Murano, die unzähligen Souvenirs an Ständen und in Geschäften. Was die Hände nicht ertasten prägt sich nicht ein.

Zu den beliebten Andenken zählen die Masken. Sie leiten uns über ins Kapitel Gesicht: Masken sind beinahe an jeder Gassenecke und in unzähligen Variationen zu haben. Interessant ist der Blick in das Atelier eines Maskenmachers, der mitten unter den vielen Gesichtern, die er geschaffen hat an seiner Werkbank sitzt und schnitzt.

Venedig mit den Ohren zu erkunden ist speziell. Kopfhörer trägt hier mit Ausnahme der Touristen, welche die Ausführungen ihrer Fremdenführer empfangen wollen, kaum jemand. Venedig ist vom Smartphone-Virus verschont, beneidenswert!. Ich entdecke auch, dass die in Städten üblichen Geräusche hier nicht vorhanden sind. Einzig am Canale Grande, der Hauptverkehrsader durch Venedig sind die Motorengeräusche der Vaporetti, der Transportbarken und Taxis zu hören. Kommt man in die kleinen Gassen ist es still. Und in dieser Stille klingen die Stimmen singender Gondoliere besonders schön. Allerdings scheint mir, widmen sie ihren Gesang vorwiegend jungen weiblichen Fahrgästen.
Aber eigentlich gehört diese Feststellung ins Kapitel Herz. Und deshalb noch dies: Wir, die kleine Dreigenerationenreisegruppe, ziehen in liebevollem Einvernehmen und mit Herz durch die Lagunenstadt und drücken dem Kapitel unseren eigenen Stempel auf.

Im Kapitel Mund macht Scarpa auf die Sprache der Venezianer aufmerksam. Ein sehr gebräuchliches Wort, auch bei uns ist: ciao. Dass dies eine Abkürzung für s’ciavo, euer Sklave ist, wäre mir nie und nimmer in den Sinn gekommen. Venezianischen Ursprungs sei auch ghetto, von getto, gettare, schmelzen, was sich auf die Schmelzöfen auf der Insel bezieht, welche eine Giesserei beherbergte und der hebräischen Gemeinschaft vorbehalten war.
Nun gehört zum Thema Mund ja auch der Gaumen, also auch die Gaumenfreuden, denen wir uns nicht entziehen. Die Speisekarten der Restaurants sind sehr reichhaltig und die Auswahl fast zu gross. Wir können uns nur wundern, was in den kleinen Küchen alles zubereitet wird. Nicht überall wird Pizza serviert, aber an der Pizza kommen wir nicht vorbei, zumal die Kinder das gern essen. Es ist ein unkompliziertes Mahl, man wird rasch bedient und meistens weiss man, was man auf dem Teller hat. Dann sind da die leckeren Amaretti und der Espresso! Er ist so winzig wie bei uns ein Ristretto, schmeckt und duftet aber köstlich, was uns ohne Umschweife zur Nase überleitet, die beim Kosten des Weins, den wir zum Essen gern geniessen, auch zum Einsatz kommt.

Olfaktorische Highlights bietet der Mercato Rialto, der Viktualienmarkt. Er befindet sich direkt am Canale Grande, dem Transportweg für Güter. Man lasse die Nase den Weg dahin finden, sie wird ihn nicht verfehlen. Es ist ein wunderbarer, gedeckter Markt mit einem grossen Angebot an Fischen, Meeresfrüchten, Gemüse und Früchten und daneben reiht sich Metzgerei an Metzgerei. Venedigs Supermarkt.

Unserem Geruchsorgan bieten sich auch auf einem Streifzug durch die Gassen und Gässchen abseits der Touristenströme Düfte an. Die meisten entsteigen den Kanälen und es sind nicht durchwegs Wohlgerüche, allerdings werden sie sich erst bei warmem Wetter vollends entfalten.

Es sind gewaltige Mengen an Eindrücken, die sich unseren Augen anbieten. Monumentale Architektur, beeindruckende Kunstobjekte oder kleine Kostbarkeiten, an allen Ecken und Enden gibt es schöne, manchmal unerwartete Dinge zu sehen. Unser Hotel beispielsweise war eine k und k Wiener Hofhutfabrik, davon zeugt die ovale Firmentafel von anno dazumal, die in einer kunstvoll geschmiedeten Fensterbalustrade eingelassen ist. In seinen Ausmassen nicht zu überbieten ist Tintorettos Paradies im Thronsaal des Dogenpalastes, dorthin zu gelangen ist eine Geduldsprobe, denn in allen Räumen wird man von Wandbildern zum Schauen angehalten. Ins Staunen gerate ich in der Sala dello Scudo ob der Fresko-Karten aus dem 16. Jahrhundert. Tintorettos Paradies, das wir nach langer Wanderung zu sehen bekommen ist schon durch seine Masse überwältigend, dieses Werk zu schaffen muss ein schöpferischer und physischer Kraftakt gewesen sein. Jede noch so kleine Brücke ist einen Augenschein wert, von den Fassaden der Palazzi entlang des Canale Grande ganz zu schweigen.

Ziemlich zufällig geraten wir auf unserem Spaziergang durch den Regen vor das Teatro La Fenice (italienisch für Phönix). Wir beschliessen, das berühmte Opernhaus, in welchem Verdi Opernpremièren feierte und Wagners Ring zwei Monate nach seinem Tod (in Venedig) erstmals in Italien aufgeführt wurde, zu besuchen. Nach einem Grossbrand im Jahr 1996 eröffneten die Venezianer acht Jahre später La Fenice von neuem. Es ist ein märchenhaftes Theater, ganz dem Original nachgebaut. Wer dann noch das Privileg hat, von einer Loge aus einer Opernprobe für die darstellerische Arbeit der Protagonisten beizuwohnen, ist ein Glückskind. Wir Erwachsenen und unsere zwei Glückskinder jedenfalls sitzen lange, hingerissen von dem, was wir hier sehen und erleben. Die Aufsichtsdame bittet uns irgendwann, doch bitte andern Besuchern Platz zu machen. So nimmt der Tagtraum ein Ende.

Was die Architektur betrifft, scheint in der Lagunenstadt seit hunderten von Jahren keine städtebauliche Modernisierung geplant oder erwünscht zu sein. Ist die Zeit hier stehen geblieben? Nein, ist sie nicht. Ihr Zahn nagt und geht dem Prunk an den Kragen.

Doch die Schönheit Venedigs zeigt sich auch im Verfall, das eine ist nicht ohne das andere denkbar. Venedig und der Tod sind keine Gegensätze, sie sind Faszination und Inspiration.

Claudine



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