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Hier berichten an Brustkrebs erkrankte Frauen von ihren Erfahrungen: leidvollen, aber auch hoffnungsvollen. Die Erfahrungsberichte zeigen, dass wir alle unsere ureigene Art und Weise haben, mit unserer Krankheit umzugehen. Keine ist besser oder schlechter. Wir hoffen, dass auch Ihnen die folgenden Berichte Mut machen und Sie auf Ihrem eigenen Weg bestärken.

Falls Sie einen Erfahrungsbericht beifügen möchten, schicken Sie Ihren Beitrag bitte per E-Mail an [email protected].

Die Erfahrungsberichte werden auf Wunsch auch anonym veröffentlicht.

Vielen Dank!



Happy End
Annina


Ich hatte wenig Ahnung von Krebs, bis ich ihn selber bekommen habe. Im Nachhinein habe ich gemerkt, dass ich wohl einer Minderheit angehöre. 40 Jahre lang bin ich weder mit Krankheit, noch mit dem Tod in Berührung ge-kommen. Das hat sich gründlich geändert. In den drei Jahren meiner Erkrankung habe ich mich von einigen Menschen verabschieden müssen die mir Nahe gewesen sind und ich habe erlebt, was es bedeutet krank zu sein.
Nicht, dass ich vorher überhaupt nichts über den Krebs gewusst hätte. Auch ich habe viele Filme gesehen und einige Bücher gelesen, in denen die Geschichte eines an Krebs erkrankten Menschen beschrieben wird, also bin ich informiert.

Da gibt es in einem Film einen Mann mit Geld, der sich eine (wunderhübsche) Begleitung für die letzten Monate seines Lebens zulegt. Sie pflegt ihn hingebungsvoll und verliebt sich auch ein wenig in ihn (wenn ich mich recht erinnere). Man sieht (oder hört), wie er sich hinter verschlossener Türe die Seele aus dem Leib kotzt, sieht ihn schwanken zwischen Hoffen und Zweifeln, zwischen normalem Alltag und Krankheit, zwischen energiegeladenen Momenten und zwischen Aufgeben. In all dem ist er nicht alleine, sondern bewegt sich unter dem warmen, sorgenvollen Blick seiner Pflegerin.
Oder ein anderer Film, in dem sich Schwestern treffen die sich schon lange auseinandergelebt haben und unter denen kleine eifersüchtige, missgünstige Sticheleien ausgetauscht werden. Alte Verletzungen über die nicht geredet wird und die dennoch immer präsent sind. Durch die Krebserkrankung der Einen, werden die Anderen milder und besinnen sich auf die Endlichkeit des Lebens. So werden die Verletzungen kleiner, rücken in die Ferne und machen Platz für das Verbindende unter ihnen, das unter den Verletzungen überlebt hat. Am Ende entschliessen sich die Schwestern den Streit aussen vor zu lassen und zusammen das Leben zu feiern. Oder der Film, in dem ein Paar mit Kindern sich auseinandergelebt hat und der Mann mitten in einer beginnenden Beziehung zu einer anderen Frau steckt als er erfährt, dass die Mutter seiner Kinder an Krebs erkrankt ist. Das neue Paar beschliesst mit-samt den Kindern, einige Tage mit der erkrankten Frau zu verbringen. Etwas, das normalerweise wohl unüblich wäre, birgt so eine Konstellation doch ein ziemlich grosses Konfliktpotential. Im Film schaffen es die erwachsenen Protagonisten Gefühle wie Eifersucht, Wut, Enttäuschung und so weiter, hinten an zu stellen und Platz zu machen für einen liebevollen Abschied von der er-krankten Mutter und ehemaligen Ehefrau.

Oder die Geschichte in einem Buch, das ich als junge Frau gelesen habe und das mich beeindruckt hat. Hier wird die Freundschaft zwischen einer an Krebs erkrankten jungen Frau und einer rebellierenden Jugendlichen in einem Spital beschrieben. Sacht gelingt es der jungen Frau die Verhärtung der Rebellin aufzuweichen und es entsteht eine schöne Freundschaft. Auch hier schaffen es die beiden Frauen im Angesicht des Todes der Einen, das Leben zu feiern.
Schöne Bücher, schöne Filme, schöne Geschichten in denen Anteilnahme herrscht. In denen der Blick weg vom Kleinlichen, Verletzten, Nebensächlichen, weg von der Wut, der Langeweile, des Zurückschlagens, der Missachtung hin zum Wesentlichen, der Vergänglichkeit aber auch der Einzigartigkeit des Lebens gerichtet werden kann. Die Geschichten zeigen: „seht her, so sollte man leben! “. Es ist, als erkennen die Protagonisten erst im Angesicht des Todes, den Wert des Lebens. So wie man das Weiss nicht sähe, gäbe es kein Schwarz.
Ich habe diese Filme gerne gesehen. Oft habe ich geweint. Jedes Mal habe ich mir geschworen, in Beziehungen zu anderen Menschen das Verbindende zu sehen und nicht das Trennende und, ab jetzt das Leben zu feiern. Das hat dann meist auch ne Weile hingehalten, bis ich wieder in den Alltagstrott verfallen bin. So ist wohl der Lauf der Dinge.
Im Film sterben alle erkrankten Protagonisten am Ende. Ich kann mich an keinen Film und an kein Buch erinnern (es sei denn, es ist ein Tatsachenbericht einer Betroffenen), in dem die Hauptfigur überlebt hat. Wäre es nicht so herzlos, könnte man sagen, die kranke Hauptfigur hat als Spannungsbogen am Ende des Filmes ihren Dienst getan und kann nun auch sterben.
Da ich den Krebs nur aus Filmen kannte dachte ich automatisch, dass auch ich einige Wochen nach der Diagnose sterben würde. Ich dachte, dass ich die meiste Zeit leidend, über einer WC Schüssel hängend verbringen würde. Dass ich meiner Tochter das allerschwerste Herzeleid zufügen würde, das eine Mutter ihrer Tochter bereiten kann. Dass sich all meine Freundinnen und die Familie konstant um mich herum versammeln würden und mich mit sorgenvollen Augen betrachten würden. Dass meine Erkrankung den Hader und Zwist um mich herum beseitigen würde. Dass ich Weise würde und meine Mitmenschen mit diese Weisheit wieder und wieder beglücken täte. Ich dachte, ich käme zu einer inneren Ruhe, einer Gelassenheit und einem Frieden angesichts der Tatsache, dass mein Leben endlich ist.

Wenig von dem ist geschehen. Ich lebe immer noch. Mit der Krankheit. Oft habe ich mir Anteilnahme gewünscht. Hader und Zwist gibt es immer noch in mir und um mich herum. Meine Weisheit ist nicht auf wundersame weise an-gewachsen, sondern bewegt sich weiterhin in einem durch und durch gewöhnlichen Rahmen. Auch fragt kaum jemand danach. Was gut ist so. Auf immer währende Gelassenheit und inneren Frieden warte ich noch.

Ein bisschen ist es wie mit den Liebesfilmen. Da treffen sich zwei Menschen, verlieben sich, überwinden einige Hindernisse und finden am Schluss zueinander und dann…hört der Film (meist) auf. Happy End. Wie die beiden nun miteinander, mit ihrer sich verändernden Liebe und den Auf und Ab`s leben….bleibt ungefilmt. Ich meinte aus den Filmen zu wissen, was auf einen zukommt, wenn man schwerkrank ist und unweigerlich auf den Tod zusteuert. Was aber passiert, wenn man überlebt? Was, wenn einem der Krebs noch eine lange Verschnaufpause, einen langen Spaziergang auf der Erde gönnt? Wie lebt man, wenn sich ein Damoklesschwert über einen gehängt hat? Dieses ungefragte, uneingeladene Damoklesschwert, dass so viele Fragen als Gastgeschenk im Gepäck hat und sich nicht von der Stelle bewegt, da kann man es ausladen wie man will, es bleibt beharrlich. Manchmal wiegt es schwerer, manchmal leichter. Aber es bleibt hängen, unweigerlich und stellt viele unbequeme und schmerzliche Fragen. Es macht einen unleidlich. Wie der störende Kieselstein im Schuh. Man sieht einem das Damoklesschwert, das drohende, nicht an und trotzdem ist es immer da. Wie lebt man damit? Hat man es verdient? Ist es da um einen etwas zu lehren? Oder um einen zu mahnen? Soll man dadurch zu einer Dankbarkeit gegenüber dem Leben und allem Lebendigen kommen? Soll es einem ermöglichen, Abstand von Überheblichkeit, Streit und Kleinlichkeit nehmen zu können?

Falls das so ist, hat sich mein Damoklesschwert in der Adresse geirrt. Denn an Lebensfreude und Dankbarkeit gegenüber dem Leben, hat es mir vor meiner Erkrankung nicht gemangelt. Ich habe das Leben gefeiert. Alleine, zu zweit und gemeinsam mit Anderen. Sicher nicht konstant, aber immer wie-der. Gelegenheiten dazu gab es in meinem Leben zum Glück reichlich. Auch war ich bestimmt kein besonders streitlustiger und kleinlicher Mensch. Wie übrigens keine meiner Bekannten die an Krebs erkrankt sind. Wozu also an Krebs erkranken? Nichts hat mich darauf vorbereitet wie es sein wird, mit einer Krebserkrankung zu leben. In Büchern und Filmen hab ich nur gesehen, wie man daran stirbt. Viele Fragen und noch habe ich keine Antwort darauf, aber ich arbeite daran. Vielleicht hält mich ja das daran arbeiten am Leben. Wer weiss.

In der Zwischenzeit möchte ich diese Portion Trost mit Hilfe des Bulletins an die Eine oder Andere Frau senden die vielleicht gerade mal einen Moment lang hadert, traurig ist, oder ihren Mut aus den Augen verloren hat:

einhüllen
möcht ich dich
in etwas
das nach Wohlsein riecht

ein Schlaflied
wie Mohn
dir
zwischen die Zehen legen

Eine handvoll Erinnerungen
über dich rieseln lassen
von den Guten
die es in jedem Leben gibt

Eine Landkarte
auf der
der Weg verzeichnet ist
der zum verlorenen Anker führt

ein wenig
Süsse
in den Wind streuen
der dich wirblig umher weht

am Liebsten
ein Stück Glauben

an Glück
zurückschenken



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:)