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Hier berichten an Brustkrebs erkrankte Frauen von ihren Erfahrungen: leidvollen, aber auch hoffnungsvollen. Die Erfahrungsberichte zeigen, dass wir alle unsere ureigene Art und Weise haben, mit unserer Krankheit umzugehen. Keine ist besser oder schlechter. Wir hoffen, dass auch Ihnen die folgenden Berichte Mut machen und Sie auf Ihrem eigenen Weg bestärken.

Falls Sie einen Erfahrungsbericht beifügen möchten, schicken Sie Ihren Beitrag bitte per E-Mail an [email protected].

Die Erfahrungsberichte werden auf Wunsch auch anonym veröffentlicht.

Vielen Dank!



Ein neues Schnittmuster
Annina D.


Ein neues Schnittmuster von Annina

Was soll ich sagen? Der Krebs ist zurückgekehrt. Mit einer Heftigkeit, die mir manchmal den Atem und den Schlaf nimmt. Die Eine oder Andere wird das kennen und sich auch schon in dieser Situation befunden haben. Obwohl man aufgrund einer nicht sehr ermutigenden Anfangsdiagnose vielleicht damit gerechnet oder es erwartet hat, haut es einen um, wenn der Krebs sich wieder ins Leben drängt. Er ist ein ungebetener Gast und schert sich leider nicht darum. Ich habe den Krebs sicher nicht herbeigesehnt und trotzdem…neben der Angst die sich sintflutartig mit seinem Kommen über mich ergossen hat, habe ich mich auch gefreut. Ganz am Rande war ich glücklich, nun endlich eine ausgiebige Pause machen zu können. Welche Entschuldigung wäre besser für eine Pause im (Arbeits-) Alltag, als das Wiederauflammen einer Krebserkrankung mitsamt seinen Begleittherapien.

Vor der Krebserkrankung habe ich mich verhalten als seien meine Kräfte unerschöpflich. Schon nach der ersten Diagnose hätte ich eigentlich (und habe es vielleicht auch) merken müssen, dass ich keine „Superwoman“ bin. Dass es keine „Superwomans“ gibt und, dass jede Kraft erschöpflich ist wenn man nicht konstant dafür sorgt das Kraftreservoir wieder aufzufüllen. Man kann nur geben was man hat und danach muss man schauen, dass man`s wieder kriegt. Sonst betreibt man Raubbau an Körper und Seele. Die Frage in den vier Jahren meines Überlebens hätte sein müssen: wo bekomme ich Kraft her (umso mehr nach so einer Erkrankung mitsamt der Therapien, die einen sowieso schon ausgelaugt zurücklassen), was saugt mich zu sehr aus, wo verliere ich zu viel Energie (die meines Erachtens sowieso niemandem nützt, ausser um vielleicht das eigene übermässige Pflichtgefühl zu beruhigen)?.

Ich hadere nicht mit dem Rückfall. Ich bin nur ein wenig traurig, dass es ihn braucht um Einen dazu zu bewegen, einen Kraftauffüllmechanismus in Gang zu setzen. Es ist nicht so, dass ich gar nichts getan hätte während meiner Erkrankung. Ich habe immer wieder Anläufe genommen, habe mir Auszeiten gegönnt, bin viel in der Natur gewesen, habe das Yoga kennengelernt, bin gereist usw. Dazwischen habe ich mich aber immer wieder ver-aus-gabt. Ich habe es immer wieder zugelassen, dass man mir über die Seele trampelt und habe es ausgehalten treu dem Motto: „ein Indianer kennt keinen Schmerz“ (am Rande…und um keinem Indianer Unrecht zu tun: soweit ich es verstanden habe, kennt ein Indianer den Schmerz sehr wohl, nutzt ihn aber zum Erkenntnisgewinn und zur Transformation).

Dieser Rückfall ist dann wohl die Chance, von der im Zusammenhang mit Krebs ja immer wieder gesprochen wird (treu nach einem anderen Motto:
“ wer`s beim ersten mal nicht lernt, lernt`s vielleicht beim zweiten mal“…oder hiess das Motto anders? ?). Ich habe das Bild vom Krebs als Chance nie gemocht. Wenn ich hätte wählen können, hätte ich mir sicherlich einen anderen Weg ausgesucht um zu lernen, wie ich mit meiner (Lebens-) Kraft haushalten soll. Krebs ist eine Sch….. -Krankheit! Es macht mir Angst, den Krebs trotz Chemotherapie so kraftvoll und munter weiterwachsen zu sehen. Ich empfinde ihn als hart und unbarmherzig und wünsche niemandem, dass er, was auch immer, mittels einer Krebserkrankung erfahren/lernen muss. Nun aber stecke ich mittendrinn im Schlamassel.

Ich bin eifrig daran mir ein neues Kleid zu entwerfen. Glücklicherweise habe ich jetzt die Zeit dazu. Momentan habe ich erst einmal einiges skizziert. Ich hab sowas wie eine Ahnung, in welche Richtung meine (Lebens-) Planung gehen sollte. Das braucht Zeit. Das Lernen und das Gelernte ins Leben zu integrieren, braucht Zeit. Manchmal denke ich, ich sollte mich nicht zu sehr ausschimpfen. Jedes Ding das gelernt sein will, hat seinen eigenen Rhythmus und fällt zum richtigen Zeitpunkt, wie ein fehlendes Zahnrädchen ins eigene Getriebe. Vielleicht macht es auch wenig Sinn etwas krampfhaft sofort lernen zu wollen. Na ja…zugegeben …das sind schöne Worte…nur hat man wenig Geduld, wenn einem der Krebs mit seinem ganz eigenen Tempo im Nacken sitzt.
Ich habe die Idee, einige von meinen bisherigen Leitsätzen auf den Grund meines Rucksackes zu legen oder sie ganz „rauszukicken“. Hier eine kleine Auswahl:

- „Das schaff ich schon“ (obwohl ich eigentlich todmüde bin)
- „Ein Indianer fühlt keinen Schmerz“ (obwohl mir grad jemand ohne Rücksicht über die Seele gestampft ist)
- „Kein Problem, das geht schon irgendwie“ (obwohl mein Terminkalender nur noch an den Rändern Platz für neue Einträge hat)
- „Nein, nein, das macht mir gar nichts aus“ (obwohl ich momentan gerade zu erschöpft/ zu verletzt/ zu überlastet bin)
- „Ja klar komme ich gerne mit!/ Ja klar sehe ich mir das gerne an! Ja klar begleite ich Dich gerne!“ (obwohl ich weiss, dass ich mich zu Tode langweilen werde und, dass mir der Tag nichts bringen wird)
- „Das mache ich gerne/ Das gefällt mir“ (obwohl ich das NICHT gerne mache und mir das NICHT gefällt und ich den Satz nur aus Pflichtgefühl sage und weil ich denke, man erwartet ihn von mir)
- „Nein, nein, die Chemo macht mir gar nichts aus“ (obwohl ich 24 Stunden am Stück schlafen könnte und meine Muskeln sich in etwa so leicht bewegen lassen wie ein fest verankerter Riesendampfer)

Ganz oben in meinen Rucksack möchte ich folgende Fragesätze an mich legen:

- „Liebe ich es in diesem Moment gerade, mit diesen/m Menschen zusammen zu sein?“
- „Liebe ich die Arbeit, die ich gerade mache?“
- „Liebe ich den Ort, an dem ich gerade bin?“
- „Tue ich in diesem Moment gerade das, was ich tun möchte?“
- „Habe ich in den letzten 24 Stunden etwas getan, um meine Kraftreserven wieder aufzustocken?“

Eigentlich liest sich das ganze ziemlich egoistisch, oder? Als würde man das Leben von nun an nur noch nach dem Lustprinzip leben wollen. So nach dem dritten Motto: „ich tu nur noch was mir gefällt!“. Da meldet sich dann gleich das schlechte Gewissen. Ich denke aber mittlerweile, dass es niemandem gut tut wenn ich mich zu etwas zwingen muss. Oder wenn ich etwas nur aus Pflichtgefühl tue. Oder aus Angst, nicht mehr gemocht zu werden wenn ich etwas lieber nicht tun möchte, oder jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt. Was nützt es, wenn ich mir die Sorgen von jemandem anhöre und mich gar nicht auf ihn konzentrieren, gar nicht wirklich mitfühlen kann, weil ich ganz einfach zu erschöpft und ausgebrannt bin.

Es bleibt noch viel zu tun. Erkundungstouren, um zu entdecken wo Energie zu holen ist. Mut an allen Ecken und Enden zu sammeln um: „Nein“, „Momentan nicht“, „Morgen höre ich Dir gerne zu“, „Könnten wir nicht etwas anderes unternehmen/ an einen anderen Ort gehen/ uns etwas anderes ansehen?“ sagen zu können.

Wie gesagt, das ist erst mal eine Skizze, eine Idee. Das neue Kleid das ich mir schneidern möchte, ist erst in meinem Kopf und als Entwurf vorhanden. Es wird Zeit und Mut brauchen um es auf den Stoff (das Leben) zu übertragen, es aus zu schneiden, „z Fade schloh“ und danach auch noch zusammenzunähen. Ich habe aber so eine Ahnung, dass das neue Kleid ganz hübsch wird und mir vielleicht am Ende noch gefallen könnte ?.

Allen Frauen die sich um ähnliches bemühen, und auch allen anderen die andere Wege gefunden haben, und allen die mit dem Krebs leben wünsche ich:
Viel Mut und Kraft und alles, alles Liebe!

Annina



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