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Hier berichten an Brustkrebs erkrankte Frauen von ihren Erfahrungen: leidvollen, aber auch hoffnungsvollen.
Die Erfahrungsberichte zeigen, dass wir alle unsere ureigene Art und Weise haben, mit unserer Krankheit umzugehen. Keine ist besser oder schlechter.
Wir hoffen, dass auch Ihnen die folgenden Berichte Mut machen und Sie auf Ihrem eigenen Weg bestärken.
Falls Sie einen Erfahrungsbericht beifügen möchten, schicken Sie Ihren Beitrag bitte per E-Mail an gaillard@leben-wie-zuvor.ch.
Die Erfahrungsberichte werden auf Wunsch auch anonym veröffentlicht.
Vielen Dank!
Alles wird wieder gut Annina
Heute Morgen bin ich aufgewacht und irgendwas hing in der Luft. Mit meinem Zimmer schien etwas passiert zu sein. Es war heller als gestern Morgen um dieselbe Zeit. Ich bin aufgestanden und habe als Erstes zum Fenster hinausgeschaut. Und da lag er. Zentimeter dick. Der erste Schnee. Seltsam, dass man ihn den „ersten Schnee“ nennt, obwohl er doch jedes Jahr, an ganz vielen Orten der Welt fällt. Ich glaube das zeigt, dass das mit dem Schnee etwas Besonderes ist. Der erste Schnee. Das hört sich nach Sehnsucht an. Das ist bisschen wie: „das erstem Mal das Meer sehen“. Obwohl man verlässlich jedes Jahr ans Meer in die Ferien fährt, ists doch immer wieder: „das erste Mal das Meer sehen“.
Ich schaue zum Fenster hinaus und sehe, wie sich eine dieser zarten Flocken zu der Anderen legt. Am Boden breitet sich ein weicher, flauschiger Teppich aus Schnee aus. Weiss, soweit mein Auge reicht. Kein Auto wagt sich auf die rutschige Teppich-Strasse und auch sonst, ist praktisch kein Geräusch zu hören. Der Schnee schluckt das Getöse das normalerweise, von der Strasse zu mir herüber weht. Alle Sinne können sich ausruhen. Über dem vorwiegenden Grau meiner Umgebung liegt nun eine weisse Decke, auf der mein Auge ruhen kann. Das ist ähnlich, wie wenn man nach einem Jahr im Norden, im Sommer endlich wieder das Meer sieht. Man setzt sich davor und ruht sich in diesem nie enden wollenden Blau aus. Man hört das „swuschschsch“ „swuschschsch „ der Wellen, die rhythmisch vor und zurückrollen und lässt seine Seele, in die Wiegebewegung des Wassers baumeln. Frieden. So lässt sich das Gefühl beschreiben, oder?
Der erste Schnee und das erste Mal das Meer sehen, machen uns zu-frieden. Weshalb das wohl so ist? Und weshalb man wohl so oft Sehnsucht nach dem Schnee in den Bergen und nach dem Meer hat? Was ist daran so friedvoll? Manchmal reicht es sogar schon, wenn wir ein Bild des Meeres, oder einen verschneiten Landschaft an der Wand hängen haben. Ist es das rhythmisch Rauschen des Wassers, das uns vielleicht an den Zustand des Urvertrauens in Mutters Bauch erinnert? So wie auch die vom Schnee geschluckten Geräusche? So muss es sich wohl im Innern eines Bauches anhören. Vielleicht ists aber auch das unschuldige Weiss, dass sich mit dem Schnee über alles legt. Fast, als würde es sich über allen Kummer, alles Hässliche und die ganze Hektik des Alltags legen. Wenn der erste Schnee fällt, bewegt sich alles vorsichtiger und langsamer. Die meisten Menschen die an meinem Fenster vorbei laufen, haben ein Lächeln auf den Lippen. Ich bin sicher, das hat ihnen der erste Schnee dort hin gezaubert.
Wie gerne würde ich meine Krankheit klamm heimlich, unter die weisse Schneedecke schieben und sie für ein Weilchen dort ruhen lassen. Oder sie in eine Flaschenpost stecken und den Wellen des Meeres überlassen. Damit würde ich mir eine Pause von der Krankheit verschaffen. Das wäre herrlich und würde mir mit Sicherheit das gleiche Lächeln ins Gesicht zaubern wie den Passanten vor meinem Fenster. Und Euch?
Manchmal sehne ich mich in diesen Zustand des Urvertrauens zurück, den man als ganz kleines Kind hat. Erinnern kann ich mich nicht mehr daran, dafür sind zu viele Jahre vergangen, trotzdem weiss ich genau wie es sich anfühlt. Ich glaube zu wissen wie es sich anfühlt, von einem grossen, starken Menschen getragen und genährt zu werden, und sich um nichts kümmern zu müssen. Und nicht nur das! Als kleines Kind kann man darauf vertrauen, dass alles gut ist, oder zumindest, alles wieder gut wird. Der erste Schnee gibt einem ein wenig von diesem: „alles- wird- wieder- gut-Gefühl“ zurück. Einige Menschen können das Urvertrauen ins Erwachsenenleben hinüber retten. Vielleicht hilft ihnen der Glaube an Etwas, oder an Jemanden dabei. Bei Anderen kommt das Vertrauen auf dem Weg ins Erwachsenenleben durch negative Erlebnisse ins schwanken. Manche verlieren es ganz und gar. Viele entwickeln ein Vertrauen in ihre eigenen Kräfte. Als Erwachsene, brauchen sie niemanden mehr der ihnen sagt: „alles wird wieder gut“. Sie haben genug Vertrauen in ihre eigene Kraft, die es schon wieder richten wird.
Schwierig wird’s, wenn man von einer lebensbedrohenden Krankheit „getroffen“ wird. Wie soll man das mit dem Krebs denn wieder richten? Der Krebs hat mein Vertrauen in die eigene Kraft stark erschüttert. Habe ich mich vorher als starke Frau gesehen, hat mich die Krankheit ziemlich daran zweifeln lassen. Dann tröstet mich der Gedanke, dass das Rauschen des Meeres immerwährend gleich rhythmisch klingen wird und, dass jedes Jahr irgendwo auf der Welt der erste Schnee fallen wird. Und manchmal scheint es mir als flüstern die Schneeflocken und die sanften Wellen mir ins Ohr: „es wird alles wieder gut“. Dann scheint mir, dass nicht alles von meiner Kraft abhängt, sondern es Dinge gibt, die nicht in meiner Hand liegen und, dass dies auch nicht unbedingt das schlechteste ist.
Herzlich Annina
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Evelyn Marti: Matuschka mit Gipsbüste |
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