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Hier berichten an Brustkrebs erkrankte Frauen von ihren Erfahrungen: leidvollen, aber auch hoffnungsvollen.
Die Erfahrungsberichte zeigen, dass wir alle unsere ureigene Art und Weise haben, mit unserer Krankheit umzugehen. Keine ist besser oder schlechter.
Wir hoffen, dass auch Ihnen die folgenden Berichte Mut machen und Sie auf Ihrem eigenen Weg bestärken.
Falls Sie einen Erfahrungsbericht beifügen möchten, schicken Sie Ihren Beitrag bitte per E-Mail an gaillard@leben-wie-zuvor.ch.
Die Erfahrungsberichte werden auf Wunsch auch anonym veröffentlicht.
Vielen Dank!
Die Fremde im Spiegel oder die Frau mit der Perücke Miriam Glass
Ausschnitt eines Artikels, erschienen im Magazin der Basler Zeitung am 17. Juni 2009, geschrieben von Frau Miriam Glass, Redaktorin der BAZ.
Zwei Frauen von "Leben wie zuvor" erzählen, wie es ist, für eine Weile mit Perücke zu leben.
Am 3. Mai 2008 ging Theresia (40) zum Coiffeur. Sie dachte: «Wenn mir die Haare morgen ausfallen, bin ich trotzdem heute noch schön. Wenigstens für einen Tag.» Die neue Frisur hielt sechs Tage, dann fing es an. «Wenn ich so machte », sagt Theresia und fährt sich mit der Hand über den Kopf, «hielt ich jedes Mal ein Büschel Haare in der Hand. Ich warf sie in den Papierkorb, aber sie waren überall, auf dem Bett, in der Küche, auf dem Pullover. Es war unerträglich.» Theresias Lippen sind in hellem Rot geschminkt, über ihr Gesicht verteilen sich Sommersprossen. Die kinnlangen rotgoldenen Haare passen perfekt zu ihrem Teint. «Sie können sie gerne anfassen», sagt Theresia , nimmt die Haare vom Kopf und reicht sie über den Tisch. Sie fühlen sich seidig an, wie frisch gewaschen, und sie sind warm. Die Perücke hat die Wärme von Theresias Kopf angenommen, der nun ganz anders aussieht, mit Stoppeln, nur gut einen Zentimeter lang. Am 10. März 2008 hatte Theresia die Diagnose Brustkrebs bekommen. Ihre Brust musste nicht entfernt werden, aber die Haare hat sie verloren, sogar Wimpern und Augenbrauen. Haarausfall ist eine der häufigsten Nebenwirkungen der Chemotherapie. Sie schädigt die Zellen, die das Haar in der Kopfhaut verankern. Wie viele Menschen in der Schweiz jährlich eine solche Therapie durchmachen, ist nicht erhoben. Nach Auskunft der Krebsliga erkranken in der Schweiz über 5000 Frauen jährlich an Brustkrebs, und weit mehr Männer und Frauen an anderen Krebsarten, die mit Chemotherapie behandelt werden. Nicht alle, aber viele verlieren dabei ihre Haare. Manche, besonders Männer, zeigen sich mit kahlem Kopf. Die meisten Frauen, so auch Theresia, kaufen sich eine Perücke.
Die meisten Menschen, die eine Perücke kaufen, tun das nicht aus Spass oder beruflichen Gründen. Der Preis für eine Perücke liegt bei wenigen Hundert bis mehreren Tausend Franken, dazu kommen Reinigung und Pflege. «Rund 70 Prozent meiner Kunden sind krank», sagt denn auch Solveig John, Inhaberin des Perückengeschäfts Hairba an der Schifflände Basel. Hierher kommen vor allem Frauen. Sie leiden an einer Krankheit wie dem Kreisrunden Haarausfall oder machen eine Chemotherapie. Vorne in Johns Laden thronen kunstvolle Frisuren auf Puppenköpfen. Weiter hinten sitzt eine Dame mit grauem Haar zur Beratung in einer durch Vorhänge abgetrennten Kabine. Sie hat sich nach langem Zögern eine graue Perücke ausgesucht, und lässt sie reservieren. Mitnehmen will sie sie nicht – noch hofft sie, dass ihr Haar der Chemotherapie standhält. Obwohl die Wimpern an ihren Fingern hängenbleiben, als die Frau sich beim Blick in den Spiegel die Augen reibt, in denen Tränen stehen.
«WIE NACKT.» Auch Theresia hat viel geweint um ihr Haar. Es sei ihr ganzer Stolz gewesen, wie ein Schmuck, sagt sie und zeigt Fotos von sich mit dichtem rotem Schopf. «Dass ich die Haare verlieren würde, war für mich im ersten Moment das Schlimmste an der ganzen Diagnose», sagt sie. Später verlor der Haarverlust angesichts der Krankheit an Bedeutung – aber an ihre Perücke hat sich Theresia bis heute nicht gewöhnt. Ohne sie würde sie nicht mal bis zum Briefkasten gehen. «Ich fühle mich sonst wie nackt.» Auch die Kappen, von denen Theresia viele besitzt, ändern daran nichts. Sie zieht sie aus einer Tüte: eine grüne aus Baumwolle, eine weisse aus Plüsch, eine mit schimmerndem Leopardenmuster. Eigentlich ganz hübsch. «Das dachte ich auch, als ich noch gesund war», sagt Theresia. Warum ist es so eine Tragödie, die Haare zu verlieren? Vielleicht, weil sie als Ausdruck der Persönlichkeit gelten. Bei Frauen aber ist langes, glänzendes Haar nach wie vor ein Symbol für attraktive Weiblichkeit. Haare und die Art, sie zu frisieren, sagen viel aus über Rang und Selbstbild der Trägerin. Ein kahler Kopf wird bei einer Frau als Symbol gelesen: als Ausdruck für eine Rebellion, eine bewusste Abgrenzung vom gängigen Schönheitsideal – oder als Zeichen für eine Krankheit. Mit dem Verlust der Haare verändert sich die eigene Erscheinung.
«Ich fühlte mich, als sei ich nicht mehr ich selbst», sagt Theresia. Lange konnte sie ohne Perücke nicht in den Spiegel schauen. Nicht für alle ist der Verlust gleich schlimm. Fränzi (43), die 2006 erkrankte, erschrak zwar auch, als sie erfuhr, dass ihr die Haare ausfallen würden. Auch sie ging nur mit Perücke aus dem Haus und trauerte um ihre langen dunklen Haare. Doch im Unterschied zu Theresia störte sie ihr Spiegelbild mit dem kahlen Kopf nicht. Sie gefiel sich sogar. Heute trägt Fränzi einen Kurzhaarschnitt, den Pony hält eine silberweisse Spange. Die Perücke hat sie noch. Sie lächelt, als sie sie hervorholt, und streicht fast zärtlich durch das braune Kunsthaar. Durch Kunsthaar streicht in ihrem Laden auch Solveig John – daraus sind die meisten Perücken gefertigt. Echtes Haar aus Europa wird für massgearbeitete Perücken verwendet. Das Haar für Konfektionsperücken kommt meist aus Asien, vor allem aus Indien. Auf die Frage nach der genauen Herkunft kann John nicht antworten. Sie kennt die Medienberichte über Frauen, die ihr Haar aus religiösen Gründen opfern und wenig oder nichts von dem Geld bekommen, das später damit umgesetzt wird. Entgegensetzen könne sie dem nichts, sagt sie. Tatsächlich gibt es kein Label oder Zertifikat für den fairen Handel mit Haaren. Laut der Eidgenössischen Zollverwaltung wurden 2008 fast 25 000 Kilogramm Haare in die Schweiz importiert, zum Teil schon verarbeitet zu Perücken, Bärten, Wimpern. Theresia trägt eine Perücke aus europäischem Echthaar, ein schönes und teures Exemplar. Trotzdem sind die Haare ihr fremd geblieben. Der Widerwille, den sie im Zusammenhang mit ihrer «Haarmütze» schildert, steht in seltsamem Kontrast zu der leichten Geste, mit der sie die Perücke abnimmt und wieder aufsetzt. Vielleicht, weil der Abschied naht. Theresias eigene Haare wachsen wieder, langsam zwar, aber dicht. Theresia überlegt bereits, ob sie die Perücke weitergeben soll. Nach Osteuropa zum Beispiel. Das hat sich auch Fränzi überlegt. Noch mag sie die Perücke nicht weggeben. Nicht, weil sie glaubt, sie werde sie noch einmal brauchen. Aber sie sagt: «Ich wollte sie zwar nicht, aber sie hat mir doch sehr geholfen.» Dann legt sie die Perücke zurück in die Schachtel. Auf dem Deckel liegt eine Staubschicht ein Zeichen dafür, dass die Krankheit überstanden ist. Fränzi pustet leicht gegen die grauen Fusseln. Abwischen will sie sie nicht.
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