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Hier berichten an Brustkrebs erkrankte Frauen von ihren Erfahrungen: leidvollen, aber auch hoffnungsvollen. Die Erfahrungsberichte zeigen, dass wir alle unsere ureigene Art und Weise haben, mit unserer Krankheit umzugehen. Keine ist besser oder schlechter. Wir hoffen, dass auch Ihnen die folgenden Berichte Mut machen und Sie auf Ihrem eigenen Weg bestärken.

Falls Sie einen Erfahrungsbericht beifügen möchten, schicken Sie Ihren Beitrag bitte per E-Mail an gaillard@leben-wie-zuvor.ch.

Die Erfahrungsberichte werden auf Wunsch auch anonym veröffentlicht.

Vielen Dank!



CROSSROADS
Sabine


I
Links des Warteraums führt der Weg in den Kreissaal. Hat nichts mit einem Kreis zu tun, sondern mit kreischen, germanisch kritan. Die Bedeutungsverengung auf die bei der Geburt ausgestossenen Schreie und die Übertragung auf den Geburtsvorgang erfolgte erst im Neuhochdeutschen. Das habe ich als junge Assistentin den Teilnehmern im Proseminar offenbar derart begeistert erklärt, dass ein Student scheu fragte: „Bist du schwanger?“ Die Frage bringt mich noch jetzt zum Lachen! Hier, in diesem Warteraum.

Aber mein Weg führt rechts entlang. Mir gegenüber sitzt eine junge Frau mit einer Mütze. Sie trägt die Mütze vielleicht wegen der Kälte draussen. Doch ich weiss instinktiv, dass ihr Weg auch rechts entlang durch den Korridor geht. Ein junges Paar betritt den Raum mit einem Neugeborenen. Ich blicke auf das Kind, das schläft. Der junge Vater vergewissert sich immer wieder, ob es gut zugedeckt ist, während die Mutter, etwas bleich und mitgenommen, abwechselnd ihren Mann und ihr Kind anschaut. Es liegt so viel Zärtlichkeit in dieser Szene, so viel Glück! Was wird aus diesem Kind werden?

Hier kreuzen sich Leben und Tod. In diesem Raum. Wohin wird dieses junge Kind getragen? Wohin führt mein Weg?

II
Ich trage immer noch den Neujahrsoptimismus in mir: Die Gynäkologin wird sagen: „Ihr Hausarzt hat sich getäuscht. Frohes 2007!“ Obschon: Mein Hausarzt ist ein Ass. Und ich habe ihn noch nie derart ernst erlebt wie vorgestern. Und doch...

Bereits nach 20 Minuten steht es fest: bösartig. Die Gynäkologin, kompetent, ruhig, einfühlsam, lässt mir Zeit, die Diagnose aufzunehmen. malign von lat. malus - schlecht, böse. malus, peior, pessimus, unregelmässige Steigerung. malus kann aber auch Apfelbaum bedeuten. Das hat mir mal ein Lateinstudent im Schatten eines Lindenbaums erklärt, als wir an einem Geburtstagsfest um die Wette Kirschensteine spuckten. Ich verlor jedesmal, weil ich so viel lachen musste. Und ich lehrte ihn meine Lieblingsdefinition von Glück: Happiness is the sun shining through a leaf. Wir blickten uns lange an, nahmen eine Nase voll von diesem Sommerglück.

Wie viele Sommer bleiben mir noch?

III
Ich pendle zwischen Gymi und Gyni. Das Vorbereiten der Lektionen bereitet mir Freude, weil es mich ablenkt. Aber die Frage „Wie geht‘s?“ beginne ich zu fürchten, auch die Neujahrswünsche hinterlassen ein mulmiges Gefühl. Am Dreikönigstag räume ich die Weihnachtssachen aus der Wohnung. Ich will nicht in den Advent zurückfallen, wenn ich aus dem Spital zurückkomme. Ich will vorwärtsgehen, dem Frühling entgegen, Ostern entgegen!

Ich darf doch hoffen, oder? Oder verdränge ich einfach die Realität?

IV
Meine eigene Klasse, die im Juni Abschlussprüfungen hat, arbeitet konzentriert an einer Übung. Ich möchte die Zeit anhalten können, hier und jetzt. Alltagsglück mit Grammatik! Und gleichzeitig jagen mir Bilder durch den Kopf von unserer Studienreise im September: Segeln im Wattenmeer, das übermütige Lachen der Mädchen am Strand. Oder im November: die Beerdigung von Gabrielles Vater. Die Erschütterung der Klasse, das Gespräch anderntags über die Predigt des Pfarrers. Wie tiefsinnig sie sich äusserten! Es soll mir niemand über die heutige Jugend schimpfen! Hier ringen junge Menschen mit Fragen, die letzlich ohne Antwort bleiben.
„My reading list!“, sagt Daniel und legt mir die Liste (fünf Wochen vor dem offiziellen Abgabetermin!) aufs Pult. Ausgerechnet Daniel, der sich gern faul und schwatzhaft gibt! In diesem Moment entschliesse ich mich, die Klasse zu informieren. Ich nenne die Krankheit beim Namen: Brustkrebs. Ich will keine Gerüchte, keine Euphemismen.

Werden sich unsere Wege an der Diplomfeier im Juni noch einmal kreuzen?

V
Zum ersten Mal in meinem Leben als Patientin im Spital! Fühle mich geradezu euphorisch. In der Nacht vor der Operation erfahre ich, dass der Krebs bereits wuchert in meinem Körper, nicht nur in der rechten Brust. „Meinetwegen können Sie gleich beide Brüste wegoperieren! Ich will einfach leben!“, sage ich im Tonfall eines trotzenden Kindes. Ich träume das bloss, oder? Gleich erwache ich. Das kann doch alles nicht wahr sein!

Gott, wo bist du? Ich sehe keinen Weg vor mir, keine Kreuzung. Schenk mir wenigstens Schlaf!

VI
Ich habe kein Haus gebaut.
Ich habe keinen Baum gepflanzt.
Ich habe kein Kind gezeugt.

Ich war zweimal drauf und dran, mir das Leben zu nehmen. Beide Male hat mich ein Schutzengel vor dem letzten Schritt bewahrt. Ich habe mehrmals gegen Depressionen gekämpft und dies als Versagen empfunden. Und jetzt, da ich gelernt habe, diesen dunklen Teil in mir anzunehmen, ihm Platz zu geben wie den tiefen Glücksmomenten unter Lindenbäumen, jetzt pocht der Tod an meine Tür. Kann ich ihn - wie in einem Traum erlebt - wieder wegschicken?

Habe ich mich für den richtigen Weg entschieden? Habe ich ein erfülltes Leben gelebt?

VII
„Die Operation ist gut verlaufen!“, sagt jemand. Stimmen kommen und gehen, grüne Männlein rennen hin und her. Wo bin ich? In einem Film über Ausserirdische? Unbändige Lust auf Schokolade! Plötzlich sehe ich zwei meiner Schwestern, sie lachen und weinen gleichzeitig. Ich versuche die Augen offen zu halten, geniesse es aber auch, immer wieder abzutauchen. Schlafen, einfach schlafen...

Keine bedrängenden Fragen heute Nacht, ich bin kein animal quaerens cur, ich ruhe ganz in Frieden: Schabbat schalom!

VIII
Angst vor der Nacht.
Angst vor der Angst.
Angst vor den schweren Träumen.
Ich finde keine Worte mehr, heule nur noch. „Nehmt die Blumen raus! Das sieht ja schon aus wie an der Beerdigung!“ „Du stirbst nicht! Hör jetzt auf!“, herrscht mich meine jüngste Schwester an, und für einen Moment lachen wir alle unter Tränen.
Ich will noch nicht sterben! Ich habe Angst! Angst kommt von lat. angustiae, die Enge... Ich drehe durch! Ich kriege keine Luft! Warum? Warum ich?

Wohin denn ich?

Die Nachtschwester redet mir gut zu, hält meine Hand. „Sie sind e weng dur e Wind.“ Interessanter Ausdruck! Kenne ich nicht! Ich lerne! „Kann ich morgen den Spitalpfarrer sprechen?“

Angst vor dem Tod.
O Ewigkeit, du Donnerwort!
Forever and a day.
Wie lange ist das?

Wieso musste Jesus sterben? Wieso hat Gott bei Abraham und Isaak im letzten Moment eingegriffen, aber bei Jesus nicht? Dieser ganze Auferstehungskram! Glaube ich das? Kann man das glauben?

IX
Mein irischer Schwager verdreht die Augen und flüstert „cloud nine“, als ihn seine Frau fragt, wieso ich schon wieder weinte. Und ich erinnere mich an eine Schulstunde, als ich erklärte, dass die Engländer über zwei Stockwerke mehr Glück verfügten als wir Deutschsprachigen: Wir schaffen es nur bis zum siebten Himmel!

Der Spitalpfarrer erweist sich als feinfühliger Traumdeuter, und eine Freundin sendet mir ein Gedicht von Kaschnitz:

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage


Es ist falsch, die Auferstehung erst im Tod zu suchen. Sie beginnt hier und jetzt, mit jedem neuen Schritt. Sie hat mit Leben, mit Verheissung zu tun, nicht mit Sterben.

Darin steckt Zukunft - auch für mich! Ein anderes Kaschnitz-Zitat, das mich seit Jahren begleitet, geht mir durch den Kopf:

Und wer sagt, dass in dem undurchsichtigen Sack Zukunft nicht auch ein Entzücken steckt.

X
Draussen schneit es. Ich blicke hinaus und fühle ein Glück in mir, das ich kaum fassen kann. Erträumte, gelebte, verpasste Momente schiessen mir durch den Kopf.

Kein Leben ist restlos erfüllt, Philippa. Du hast nicht weniger erlebt als andere.

...der wird auch Wege finden, da dein Fuss gehen kann....


XI
Zum ersten Mal durchgeschlafen! Hängt es mit dem langen Brief zusammen, den ich gestern geschrieben habe? Gedichte von Robert Frost, Trakl und Rilke gehen mir durch den Kopf. Und Robert Walser! Und der Schlusssatz aus Bundis vorzüglichem Artikel über Erika Burkart: Denn nicht nur Schreiben, auch Lesen ist gerettetes Leben.

Sie werden noch geraume Zeit leben können: so formulierte es ein Arzt.

Wie viel des Wegs? Ich spüre Raum und Weite - trotz der Begrenztheit oder gerade wegen der Begrenztheit. Ich bin gerettet!


XII
Bachs Matthäuspassion in einem Zug gehört und zum ersten Mal richtig realisiert, wie viel Angst Jesus hatte, wie allein er sich fühlte.

You‘ll never walk alone! Es steckt so viel Kraft in diesem Gedanken, obschon meine Schwester den Vergleich unmöglich findet und den Kopf schüttelt.

XIII
Ich erfahre so viel Schönes, erhalte so viel Zeichen der Liebe, des Getragenwerdens. Wenn die Schüler vorbeikommen, herrscht eine heitere Stimmung, die mir gut tut. Sie schmunzeln über meine Entwicklung vom Handyhasser zum SMS-Freak!

Ich bin tief dankbar für alles - und doch: Plötzlich reisst die Angst ihren Höllenschlund wieder auf. Gethsemane in den eigenen vier Wänden: Meine Schwester und der sechsjährige Jonathan sind über einem Bilderbuch friedlich eingeschlafen, während ich über meine weit aufgerissenen Augen im Spiegel erschrecke:

Schlafes Bruder - wann holst du mich?

XIV
„Gott ist das Schrecklichste auf der Welt“, sagt der Pfarrer zum Lehrer in Horvaths Roman Jugend ohne Gott. Der Lehrer stellt sich diesem Schrecklichen - und findet zu Gott.

Ob ich meinen Schülern etwas habe mitgeben können auf ihren Lebensweg? Ob sie sich später einmal an ein Gedicht, an einen Roman erinnern? Habe ich etwas vom Geheimnis Leben säen können?

XV
Was bleibt?

Gott als grösstes und schwierigstes Geheimnis, das letztlich nur in Bildern oder Gleichnissen fassbar ist: Du schönstes Licht in Ewigkeit!

Damit sollte ich leben können! Jeden Tag, jede Nacht. Hier und jetzt - und dort im andern Leben...

Sabine



Das zweite Leben
Marceline Selm


Die sanfte Massage: Lymphdrainage
Chantal Jauslin


Es liegt an uns!
Bea(trice)


LOOK GOOD - FEEL BETTER
Sabine


LOOK GOOD - FEEL BETTER
Nicole Benz


Aus Zeit
Annina


Das zweite Leben
Claudine


Happy End
Annina


Hoffen und Sehnen
Annina


Ich doch nicht
strizzi


Vor zwanzig Jahren
Marijke


„sich ein Bild machen“
Annina


Ein neues Schnittmuster
Annina D.


Leben - besser als zuvor
Manu


Happy End
Annina


Die Fremde im Spiegel oder die Frau mit der Perücke
Miriam Glass


Meine Chemotricks
Renate


ANNEHMEN KÖNNEN
Therese


Alles wird wieder gut
Annina


Das Ganze war natürlich ein grosser Schock…
Vreni H.


Der Anfang einer kleinen Geschichte
Veronika


Etwas über die Mistel
Eva E.


NARBEN – GEDANKEN
von Madeleine Käslin


Rückblick auf bewegte und bewegende Monate
Elisabeth


leben wie zuvor
Ursula Kessler


CROSSROADS
Sabine


Morgens vor dem Spiegel
EVA


Selbst ist die Frau
Sylvia Brathuhn


Workshop für Engel
Papillon


Aus der Not eine Tugend machen
Nina Lupp


Der eigene Engel
Germaine Neukom


Ein ganz normaler Sommermorgen
Sonja Dreher


Offener Brief an meine Freundin
Papillon


Ich will
Lea


Der Port-a-Cath
Eva E.


Kinder des Krebses
Sandra Wöhe


Aus meinem Tagebuch
Claudine


Zurück ins Leben
Eveline E.


Brustkrebs? – das kriegen nur die anderen!
Beatrice Kern


"Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte"
Erma Bombeck


Die Zahl 13
Lou


Eine schlimme Diagnose
La Donna sempre in giro (alias Solita)


Septemberblau der Himmel
Christa Strasser


Ein ganz normaler Sommermorgen
Sonja D.


Ferien im Champ-Nany (Bresse, Burgund, Frankreich)
Ruth, Sepp, Tobias, Flavia Kiser aus Giswil


Ein ganz normaler Montag
Papillon


Erwachen – aufwachen – wach sein...
Anna-Lena


Wir sind betroffen
Graziella


20 Jahre!!
Jsabella


Bekenntnis zur Selbstachtung
Virginia Satir, Familientherapeutin, USA


Für meine liebe Mutter
Daniela


Genug Zeit
Renate H.


RAT"SCHLÄGE"? – JA. BITTE!
Christa Cerni


Rezidiv
Beatrix


Total dankbar
Nella


Trotz allem ein wunderbares Erlebnis
Hanny G.


Tyrannei von innen
Christa


eine Brust – keine Brust ......
einen Busen – keinen Busen......
Margreth


Am Anfang steht die Entscheidung....
Anna Lena


Ein Brief an Euch alle
Anna Lena


Das weissgraue Pelzchen
Angelika


Eine Liebesgeschichte
Trudi


Föhn – Chemotherapie – Perücken
Elisabeth


Tenorsaxophon
AmaZone


Brustlos glücklich? Oder brustlos und doch glücklich?
Evelyn


Ein kleines Geheimrezept
Ruth
Evelyn Marti:
Matuschka mit Gipsbüste
:)