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Hier berichten an Brustkrebs erkrankte Frauen von ihren Erfahrungen: leidvollen, aber auch hoffnungsvollen. Die Erfahrungsberichte zeigen, dass wir alle unsere ureigene Art und Weise haben, mit unserer Krankheit umzugehen. Keine ist besser oder schlechter. Wir hoffen, dass auch Ihnen die folgenden Berichte Mut machen und Sie auf Ihrem eigenen Weg bestärken.

Falls Sie einen Erfahrungsbericht beifügen möchten, schicken Sie Ihren Beitrag bitte per E-Mail an gaillard@leben-wie-zuvor.ch.

Die Erfahrungsberichte werden auf Wunsch auch anonym veröffentlicht.

Vielen Dank!



Kinder des Krebses
Sandra Wöhe


Sandra Wöhe, als Tochter einer Indonesierin und eines Holländers wurde sie 1959 in den Niederlanden geboren, ist diplomierte Krankenschwester und ausgebildete Publizistin.
In Zürich lebt sie nach freiberuflicher Tätigkeit als Journalistin und Redakteurin, seit 1999 als freie Schriftstellerin. Ihr Debütwerk „Lass mich deine Pizza sein“ wurde Oktober 2003 veröffentlicht. April 2004 wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert.

Kinder des Krebses

Im Jahr des Krebses. Das war das Jahr, in dem eine Ärztin einen bösartigen Tumor in ihrer Brust fand. Es war der Monat, in dem das Leben der Prinzessin sehr stürmisch wurde. Nicht, weil der Krebs sie beunruhigte. Warum auch? Eine Prinzessin wird von Liebe umgehauen, aber Kinder oder Krankheiten spielen in einem Königshaus keine Rolle. Sie gehören in das Reich der Untertanen.
Da alle grossen Zauberer ausgestorben waren und mit ihnen die Kräuter und Sprüche, musste sie unters Messer. Die Ärzte, so hiessen modernen Heilkundigen, waren davon überzeugt, dass Krebse ins Meer und nicht in eine Brust gehören. Sie schnitten das Krustentier heraus, doch dessen Nachkommen entgingen dem Skalpell.
„Blöd gelaufen“, sagte die Onkologin zur Prinzessin. „Heute dürfen Sie nach Hause, aber Sie müssen bald wiederkommen, sonst höhlen die Kinder des Krebses Sie aus.“
Die Prinzessin packte ihre Koffer. Alles, was sie selber konnte, tat sie selbst, darum hatte sie schon vor langer Zeit ihr Personal freigesprochen und ihr Königreich vererbt. Als sie das Krankenhaus verliess, hielt sie einer Frau, die ihre Grossmutter hätte sein können, die Tür auf. Schmerz durchzuckte dabei ihre Brust. Die Wunde war zu frisch. Sie hatte sich noch nicht daran gewöhnt krank zu sein, ohne sich dabei schwach zu fühlen.
„Wie freundlich Sie sind“, bedankte sich die Matrone. Sie trug Glatze, ihr Gesicht war aufgequollen und sie marschierte an der Prinzessin vorbei, als ob die Welt ihr gehören würde. Das Mütterchen zwinkerte ihr zu und stieg in ein Taxi.
Aus Angst vor dem, was kam, zweifelte die Prinzessin, ob sie die Kinder des Krebses aus ihrem Leib reissen dürfe. Sie wollte keine Mörderin sein, aber sie merkte auch, dass sie die Larven nach deren Geburt nicht würde nähren können. Sie war nicht die geeignete Amme. Die Abkömmlinge würden ihren Körper zerstören, ohne je das Meer gesehen zu haben.
Am Tag ihrer ersten von insgesamt acht Chemotherapien ging sie, bevor die Schwestern bei ihr die Infusion anschlossen, auf die Toilette. Sie hörte, wie sich jemand in der Nebenkabine erbrach. Der Prinzessin stockte der Atem. Sie wollte raus aus dem Krankenhaus, sofort, und rannte zum Fahrstuhl. Sie drückte auf den Liftknopf. Als sich die Türen öffneten, stand die Alte im Aufzug. Allein. Breitbeinig. Die Fäuste in der Taille. Dünn ist sie geworden, fand die Prinzessin, aber nicht ihr Lächeln.
So abgemagert die alte Frau auch war, neben dem Bündel aus Haut und Knochen war kein Platz mehr im Fahrstuhl. Darum ging die Prinzessin zurück an den Ort, an dem nun alle drei Wochen für jeweils sieben Stunden ein Bett für sie freigehalten wurde, sechs Monate lang.
Während dieser Zeit verlor sie nicht nur Haare und Gewicht, sondern auch ihren Geist und das Gesicht, aber ihr schlechtes Gewissen nicht. Es war für sie unfassbar, dass ihr Leben mehr wert sein sollte als das Herzblut der Kinder des Krebses. Aber es war schon zu spät: Das Sterben war bereits eingeleitet worden. Wenn sie sich jetzt gegen die Verwandlung entschieden hätte, wäre niemandem damit geholfen.
Der Tod der Larven war qualvoll. Sie krümmten sich vor Schmerzen und die Prinzessin kotzte ihre Leiber aus. Auch sie konnte dem Strudel nicht entkommen. Er zog sie in die Tiefe. Obwohl sie beinahe erstickte, ahnte die Prinzessin, dass sie erst wieder die Sterne am Himmel sehen würde, wenn sie den Meeresboden geküsst hatte.

Wie sehr die Prinzessin auch unter der Chemotherapie litt, vergass sie gleichwohl nie der Greisin den Vortritt zu lassen. Sie traf die alte Dame immer vor der Krankenhaustür, als ob diese nur darauf wartete, dass die Prinzessin ihr die Tür aufhielt. Dann schritt sie aufrecht an ihr vorbei, wobei sie manchmal röchelte, dennoch lächelte sie jedes Mal.
Die Prinzessin dachte: „Warum nicht? Ein Lächeln hat noch niemandem geschadet.“
Anfänglich zeigte sie nur die Zähne. Für etwas länger als einen Augenblick. Nachdem sie wieder ordentlich lächeln konnte, schluckte sie einen Stock. Danach glitt ihr die Krone nicht mehr über die Augen.
„Die Ableger Ihres Krebses sind hartnäckig“, sagte die Onkologin, dabei studierte sie die Akten. Ihre Brille rutschte auf die Nasenspitze, was sie sehr kompetent aussehen liess. „Ich werde Sie zur Bestrahlung anmelden. Nach fünf Wochen werden auch die Überbleibsel durch sein“.
Die Prinzessin nickte. Nach zehnmonatiger Krankheitsbehandlung fehlte ihr die Puste, eine mündige Patientin zu sein, die nachfragt, nachforscht und mitentscheidet, was mit ihr geschieht. Als die Ärztin sich verabschiedet, fiel ihr die Kurzatmigkeit der Prinzessin auf. „Halten Sie durch. Sie sind bald am Ziel“, meinte sie.
Die Prinzessin kam sich vor wie bei einer Meisterschaft, bei der der einzige Gegner, gegen den sie antrat, sie selbst war. Sie wollte nicht ausscheiden und legte sich deswegen unter den Bestrahlungsapparat. Es wurde dunkel. Ihr war kalt. Sie hatte kein schlechtes Gefühl oder Gewissen mehr. Gleich nach der Bestrahlung kam es ihr vor, als ob unter ihrer Haut ein Schwelbrand tobte. Ihr Busen brannte. Sie wollte schreien, aber der Saft dazu war ihr während der Heilverfahren abhanden gekommen. Also zog sie sich schweigend an und verliess den Raum voller Menschen, ohne Menschen – ganz allein.
An der Garderobe traf sie die Greisin. Sie hatte zugenommen. Ihre Glatze bedeckte ein Flaum. Ihr Gesicht hatte die Totenbleiche verloren. Ihre Augenlichter tanzten.
„Du bist zu müde zum Weinen“, sagte sie.
Die Prinzessin nickte. Die Matrone nahm sie in den Arm, das hatte sie noch nie getan. Sie wiegte sie wie ein Kleinkind.
„Es wird vorbeigehen“, sagte sie und nahm der Prinzessin die Krone ab. Sie streichelte ihr über den von schwarzen Stoppeln übersäten Kopf und flüsterte ihr Worte ins Ohr, die sich wie eine Beschwörung anhörten.
Der Spruch endete mit der Formel: „Was ich wünsch’, das werde wahr. Und wenn der Krebs nicht gestoben ist, dann krebst er noch heute bei Sonnenaufgang den Strand entlang: Zwei Schritte zurück und drei vor“.



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:)