Home
Über uns
News
Agenda
Besucherinnen
Selbsthilfegruppen
Medizinische Infos
Erfahrungsberichte
Vermischtes
Das Bulletin
Forum
Schwarzes Brett
Kontaktboerse
links

netzhandwerk gmbh - net servicesnullundeins
Hier berichten an Brustkrebs erkrankte Frauen von ihren Erfahrungen: leidvollen, aber auch hoffnungsvollen. Die Erfahrungsberichte zeigen, dass wir alle unsere ureigene Art und Weise haben, mit unserer Krankheit umzugehen. Keine ist besser oder schlechter. Wir hoffen, dass auch Ihnen die folgenden Berichte Mut machen und Sie auf Ihrem eigenen Weg bestärken.

Falls Sie einen Erfahrungsbericht beifügen möchten, schicken Sie Ihren Beitrag bitte per E-Mail an gaillard@leben-wie-zuvor.ch.

Die Erfahrungsberichte werden auf Wunsch auch anonym veröffentlicht.

Vielen Dank!



Brustkrebs? – das kriegen nur die anderen!
Beatrice Kern


(PDF zum Ausdrucken; 55kB)

Rückschau am 12. November 2005

Vor 243 Tagen (Dienstag) sitze ich noch schwitzend in einem Kurs, in dem ich lernen soll meine Prüfungsangst an der Lehrabschlussprüfung zu bewältigen. Bin ja eigentlich auch selber Schuld, dass ich Angst habe, muss mich doch nicht mit fast 40 Jahren noch in eine Lehre (die 2.) begeben. Aber nun stehe ich 63 Tage vor dem ominösen Termin und ich habe das Gefühlt mittlerweile nichts mehr zu wissen. Super!

Vor 241 Tagen (Donnerstag) liege ich am Abend im Bett, den Kopf noch voller Dinge, die ich an diesem Tag im Lehrbetrieb noch eingetrichtert bekommen habe. Irgendetwas sticht mich in meiner rechten Brust. Ohne gross Nachzudenken will ich mich kratzen. Was ist denn das! Auf der Unterseite der Brust spüre ich eine Verhärtung. Ich stehe fast im Bett.
– Klar, ich war vor einem halben Jahr (ein Monat nach der Jahreskontrolle) beim Frauenarzt, weil sich meine Brust in Form und Farbe verändert hatte. Dieser meinte nur, ja manchmal können die Hormone etwas verrückt spielen in ihrem Alter (39!). Da hilft eine Salbe, ansonsten lässt sich nichts feststellen und machen. Mein Gedanke damals: «Puuh, Glück gehabt!». Also habe ich dann brav ein paar Wochen, bis die Tube fast leer war, gesalbt. Es änderte sich nichts. Ja nu, an einem Modellwettbewerb wollte ich ja sowieso nie teilnehmen und meinen blanken Busen trage ich ja auch nicht zur Schau. Wenn der nun etwas gelb und verformt ist, spielt das auch keine Rolle mehr. Hauptsache gesund! –

Nach einer eher »etwas» unruhigen Nacht, stehe ich vor 240 Tagen (Freitag) am Morgen vor dem Spiegel und begutachte meine rechte Seite. Die ist vom ganzen Drücken und Reiben rot angeschwollen. Klar sticht die gelbe Farbe aber durch, die Brustwarze will anscheinend auch verschwinden und statt dass die Brust unten schön rund «durchhängt» sieht sie aus, wie wenn sie auf einem Gegenstand aufsteht (ganz flach gedrückt). 10 Minuten brauche ich, bis ich mich getraue die Brust zu heben. Man sieht ihn, ganz genau, den Knollen. Ich will ihn aber nicht sehen. Ich stehe da und spreche ganz laut zu meinem Spiegelbild: «verschwinde, ich will dich nicht sehen und nicht spüren, dass kann nicht sein, das passiert doch nur anderen Frauen!» Er bleibt da, stumm und schmerzend und sehr bedrohlich!
In 3 Tagen kann ich zum Frauenarzt!

Vor 237 Tagen (Montag) stehe ich mal wieder oben ohne vor meinem Frauenarzt. Ja man spürt den Knoten deutlich. Der war aber noch nicht da im Herbst. (so, so!) Also ich melde sie zur Mammographie an. Sie müssen keine Angst haben, dass kann auch nur eine «gutartige» Zyste sein. Dann darf ich wieder nach Hause. Wieder warten, 3 Tage.

Vor 234 Tagen (Donnerstag) mache ich mich zum ersten Mal in meinem Leben auf zur Mammographie. Mein Verstand versucht mein Gefühl zu beruhigen. In solchen Situationen meldet sich immer mein Gefühl und teilt mir lautstark mit: «Das ist nicht gut!» Danke liebes Gefühl, diese Unterstützung brauche ich im Moment. Zum ersten Mal in meinem Leben, lasse ich meine Brust von einer Maschine quetschen und in die Länge ziehen. Selbst meine Intervention, dass das Teil denn im Fall angewachsen ist, lässt die Assistentin nicht erweichen, sie zieht weiter. Die ganze Prozedur links und rechts und dann nochmals rechts, da man anscheinend etwas nicht genau sieht. Die Frage, ob ich noch Zeit für den Ultraschall habe, lässt mich fast ohnmächtig zu Boden sinken. Alles wankt. Aber ja doch, ich habe den ganzen Nachmittag Zeit. Die vielen Ohs und Markierungen am Bildschirm verunsichern mich sehr. Meine Frage nach einer Erklärung, einer Analyse, bekomme ich mit dem Hinweis beantwortet, dass sich mein Frauenarzt melden wird. Vielen Dank für die Unterstützung. Also wieder warten.

Vor 233 Tagen (Karfreitag) bekomme ich am Morgen ein Telefonat der Sprechstundenhilfe meines Frauenarztes, ob ich am Nachmittag vorbei kommen kann. Ja, selbstverständlich. Der Arzt möchte mich für eine Biopsie anmelden, ob ich einverstanden bin. Und für dies musste ich nun vorbei kommen, toll! Ja, selbstverständlich, wann? Da das Osterwochenende bevorsteht natürlich erst nächste Woche. Wieder warten.

Vor 229 Tagen (Dienstag) erlebe ich das erste Mal in meinem Leben eine Biopsie mit. Während der ganzen Untersuchung laufen mir die Tränen übers Gesicht. Der Arzt entschuldigt sich x-mal, dass er mir weh tut. Er begreift nicht, trotz meiner Versicherung, dass ich keine Schmerzen spüre. An diesem Tag steht selbst für mein Verstand fest, was mein Gefühl schon seit einigen Tagen weiss. Dies ist keine gutartige Zyste. Beim Aufstehen vom Untersuchungstisch bröckelt meine Fassade ab und ich benutze die Schulter der Assistentin zum anlehnen und heulen. Das Ergebnis braucht ein paar Tage, mein Arzt wird mich in 3 Tagen benachrichtigen. Wieder warten.

Vor 226 Tagen (Freitag), ich bin seit Gestern an einem Kurs, welcher mich auf einen Teil der Abschlussprüfung vorbereiten soll, ich soll um 15 Uhr in die Praxis anrufen. Wir haben Pause, es ist 14.50 Uhr. Ich starte den ersten Versuch. Nein der Herr Doktor ist besetzt, ich soll nochmals in 5 Minuten versuchen. Zweiter Versuch: nein der Herr Doktor ist besetzt, ich soll nochmals in 5 Minuten versuchen. Dritter Versuch, eigentlich fängt der Unterricht wieder an: nein der Herr Doktor ist besetzt, darf er ihnen zurückrufen. Ja bitte, aber schnell! Ich stelle mein Natel auf stumm und lasse es laufen, trotz Verbot in der Schulordnung. Um 15.10 Uhr blinkt es wie wild. Ich springe auf und spurte vor die Türe. Ja, hallo? Also ich habe die Untersuchungsergebnisse erhalten, ich muss ihnen leider…bösartig…können anrufen…Hilfe…besprechen…Montag…Spital…schriftliches Aufgebot…sie noch da?…Termin am Morgen… trotzdem schönes Wochenende, Adieu!
Bösartig? Bööösartig? BÖSARTIG?! Ich muss wieder in den Unterricht, weiter machen, nicht studieren, betrifft nicht mich. Ist jetzt mein Leben zu Ende, ist das der letzte Frühling? Kann ich die Abschlussprüfung noch machen? Soll ich sie noch machen? Oh Gott, was passiert jetzt, ich muss noch soviel regeln!
Der Kursleiter nimmt mich zu sich ins Lehrerzimmer und versucht eine Tränenüberschwemmung zu vermeiden. Er rät mir sofort eine Zweitmeinung einzuholen. Die Ärzte täuschen sich doch jeden Tag. Er ruft seine Frau an, die ich gar nicht kenne, sie soll mich trösten und mir raten ein Zweitmeinung einzuholen. Dies ist sicher alles «Falscher Alarm». Ich soll Heute früher nach Hause gehen und mich beruhigen, Morgen sieht alles anders aus. Das kommt schon gut. Keine Angst.

Es ist der 1. April 2005!
Auf dem Nachhauseweg fahre ich bei meinem Lebenspartner im Geschäft vorbei. Ich kann nicht richtig sprechen. Fasele ihm etwas von Sterben und nicht wissen wie lange noch vor. Er hält mich fest, dass schaffen wir zwei, Kopf hoch!
Am Abend finde ich «Leben-wie-zuvor.ch» und viele tröstende Worte. Ich habe keine Prüfungsangst mehr!

Vor 225 Tagen (Samstag) teile ich meiner Familie diese Schreckensnachricht mit. Ich agiere wie in einem Alptraum, alle sind sehr betroffen. Ich möchte mich am Liebsten im Schoss meiner Mutter verstecken. Gleichzeitig verlange ich, ich befehle es fast, von meiner Schwester, dass sie sich gut untersuchen lässt. Ihr darf nichts passieren.

Vor 223 Tagen (Montag) am Morgen begleitet mich mein Partner ins Spital zur Vorbesprechung der OP. Ich verlange von der Ärztin, sie soll meine Brust abschneiden. Die habe mich verraten, ich will sie nicht mehr, ich traue ihr nicht mehr. Die Ärztin, sie hat sicher schon viele solcher Ausbrüche erlebt, erklärt mir, dass ein Ablatio nur stattfindet, wenn es wirklich nötig ist. Mein Tumor (was spricht die von «meinem Tumor», ich will keinen eigenen Tumor, den habe ich nicht bestellt), sei zwar relativ gross und evtl. sei noch ein zweiter da (!?, wo kommt der plötzlich her?), aber meine Brust sei gross und man könne sicher im Gesunden operieren und somit brusterhaltend. Ich möchte aber nichts behalten, das mich so jämmerlich im Stich lässt und einen oder zwei Tumore entwickelt. Die Aggressivität bestimme dann die Fortsetzung der Therapie, aber ziemlich sicher 6–7 Zyklen Chemo (FEC – was heisst nun das wieder?) und anschliessend Bestrahlung von 6–7 Wochen (Muss ich da wieder in eine so unheimliche Röhre, oder wie?). Ich sei halt etwas spät gekommen zur Untersuchung. Was heisst ich sei zu spät gekommen, ich war vor einem halben Jahr beim Arzt und der hat mir versichert es sei nichts!

OP-Termin: 14. April 2005 (10 Tage vor meinem 40. Geburtstag – tolles Geschenk, tolle Party!), am 13. April 2005 Einrücken ins Spital zur Vorbereitung und zum MRI (Oh, ich hasse das Ding, ich habe doch so Platzangst!). Die OP ist während der Schulferien, also kann ich anschliessend wieder zur Schule, denn bereits in 42 Tagen sind die ersten Prüfungen.
Meine Gedanken drehen sich immer enger in der Spirale: Was wird sein? Wird noch etwas sein? Wie geht es weiter? Lebe ich Ende Jahr noch? Mein Körper ist mir fremd geworden. Immer dachte ich, dass ich die Signale meines Körpers gut verstehe. Aber meine rechte Brust hat mich richtig verraten. Ich hasse sie richtig gehend und möchte sie weg haben. Langsam verstehe ich auch die Signale, wie z.B. die Schuppen auf meinem Kopf. Nie hatte ich Schuppen, schon gar nicht solch riesige Dinger. Mein Kopf wollte mir wohl einen Wink mit dem Zaunpfahl geben. Es sollte mir wie Schuppen von den Augen fallen. Auch die veränderten Nägel an Händen und Füssen. Warum nur habe ich nicht rechtzeitig auf meinen Körper gehört?
Am Nachmittag informiere ich meine Lehrer in der Schule, dass ich in den Ferien operiert werde und nicht wisse, ob ich nachher wieder zur Schule kommen kann und vor allem ob ich die Prüfung machen kann. Mir wird versichert, dass ich auf jeden Fall auch die Prüfung verschieben kann und dass ich mir keine Sorgen machen soll über den Schulunterricht. Das lasse sich alles organisieren, die Prüfungsvorbereitung könne ich auch zu Hause machen.

Vor 222 Tagen (Dienstag) sitze ich in der morgendlichen Lehrlingssitzung, an welcher die Arbeiten verteilt werden, und bekomme kaum mit, was unser Chef erzählt, ich konzentriere mich darauf nicht in Tränen auszubrechen. Und dann kommt mein Stichwort: die Vorbereitungen eines grösseren Druckauftrages. Ich informiere unter Tränen meine Mit-Stifte und meinen Chef, dass ich ausfallen werde, da ich seit 4 Tagen weiss, dass ich Brustkrebs habe und ich nicht wisse wie es weitergehe. Mit dieser Schocknachricht habe ich zuerst mal alle Mundtod gemacht. Betroffenes Schweigen, aber die ersten Berührungen zeigen mir Mitgefühl. Direkt nach der Sitzung ermöglicht mir mein Chef die Anderen der Abteilung zu unterrichten. Viele betroffene Gesichter und ungläubiges Kopfschütteln und wieder Arme die mich umarmen und trösten. Ich möchte allen die Möglichkeit geben mich zu Fragen, was sie wissen möchten und wünsche mir für die verbleibende Zeit bis zur OP keine Sonderbehandlung. Ich möchte auch weiterhin mit allen zusammen Lachen und bitte sie um Verständnis, wenn ich dazwischen vielleicht in Tränen ausbreche. Nun rauf in die Personalabteilung. Ich trete mit Tränen in den Augen ins Büro und erkläre direkt, dass ich Brustkrebs habe. Ohne weitere Worte werde ich in die Arme genommen und getröstet. Ich solle mir keine Sorgen machen, vor allem nicht finanzielle, es werde alles für mich abgeklärt und wir seien in der Firma gut versichert.
Jetzt heisst es wieder warten, warten bis zum OP-Termin und mit jeder Sekunde die vergeht, habe ich das Gefühl, das Monster wachse noch weiter.

Das nun noch verbleibende Wochenende möchte ich mit Freunden im Tessin an einem Töfftreff verbringen. Wer weiss, wann ich dieses Jahr nochmals aufs Motorrad steigen kann. Aber Petrus sieht das wohl anders. Nach der Abfahrt beginnt es leicht zu regnen. Bereits ins Sins schneit es ganz fein. In Küssnacht tanken wir nochmals und beschliessen auf der Autobahn weiterzufahren. Ein Fehler, die Autobahn weist bereits einen Schneebelag von fast 20 cm auf. Alles Pflotsch und wie Glatteis. Nach einem der kleinen Tunnel touchiert mich beinahe ein Autofahrer, er wollte mich auf der gleichen Spur überholen, und ich komme regelrecht ins Schleudern und lande schliesslich auf der Strasse. Einmal quer über zwei Spuren. Ich denke noch, hoffentlich können die hinter mir fahrenden Autos halten und dann der Gedanke: «haha, jetzt bekommt mich der Krebs doch nicht». Zwei nette Lasterfahren blockieren die Strasse und helfen mir das Motorrad wieder aufzustellen. Mein Partner kommt über den Pannenstreifen angerannt. Er musste zuerst eine einigermassen gute Stelle zum Anhalten finden. Ich weigere mich weiterzufahren, ich will und kann nicht mehr und heule. Nach einiger Überredungskunst meines Partners stimme ich zu, bis zur nächsten Ausfahrt zu fahren. So endet das Tessinwochenende in Arth-Goldau. Die Motorräder werden auf einem Parkplatz deponiert und bei besserem Wetter am Sonntag dann abgeholt. Wir reisen an diesem Samstag mit dem Zug nach Hause. Am Abend erfahren wir, dass bereits in Brunnen die Strassen wieder frei gewesen wären und im Tessin schönes Wetter herrscht. Irgendetwas gönnt uns das Wochenende im Tessin nicht.

Vor 214 Tagen (Mittwoch) rücke ich also um 9 Uhr morgens ins Spital ein. Dabei habe ich das erstemal in meinem Leben ein Laptop, damit ich mit der Aussenwelt Kontakt halten kann. «Meine» Lehrlingsbetreuerin hat mir am Tag zuvor noch geholfen, das Ding netztauglich zu machen. Nach den Formalitäten werde ich in den 5. Stock ins Zimmer 5 geführt. Da ich allgemein versichert bin liege ich mit 4 anderen Frauen zusammen. Ich erwische genau das Bett, das ich nicht wollte, neben den Schränken. Tja, passt zu meiner Situation. Im Laufe des Tages werde ich an allen möglichen und unmöglichen Orten angezapft, geröngt und betastet. Auch das verhasste MRI bringe ich, unter zu Hilfenahme eines Beruhigungsmittels, hinter mich. Abends werde ich dann auf OP-Null-Diät gesetzt und darf zusehen wie die anderen essen. Meine ganze Familie besucht mich und versucht mich vom kommenden Tag abzulenken. Irgendwann spät Abends kommt der Schlaf und mit ihm die Alpträume.

Vor 213 Tagen (Donnerstag) werde ich am Morgen zur OP geholt. Das Aufwachen gestaltet sich wie immer als Mühsam. Ich spüre, dass meine Brust noch da ist, aber ich kann nicht einordnen wie gross sie ist. Am späteren Nachmittag, als meine Mutter und Schwester zu Besuch sind, will ich unbedingt aufstehen. Bravo Bea, es haut mich gleich wieder um. Da war der Kopf mal wieder schneller wie der Körper. Meine Schwester bleibt etwas länger als erlaubt, weil sie hofft die Ärztin noch zu erwischen und zu erfahren, was der Schnellschnitt ergeben hat. Es wird halb neun Uhr, meine Schwester geht und keine Minute später erscheint die Ärztin. Sie erzählt mir viel und ich kann nichts behalten, nur den Ausdruck alles im Gesunden aber 4 Lymphknoten befallen. Was soll nun wieder mit diesen Angaben anfangen. Ich möchte jetzt schlafen.

Vor 209 Tagen (Montag) ist der Verbandswechsel. Ich möchte die Brust sehen. Habe ich noch eine Brustwarze? Ich erschrecke, die ganze Brust ist ja enorm geschwollen und die Narbe in der Achselhöhle, upps. Am Nachmittag kann ich zum Leber-Ultraschall. Mir wird eine Austausch-Ärztin aus China vorgestellt. Ich kann kein Chinesisch und sie kein Deutsch und beide zusammen nur schlecht Englisch. Die Untersuchung beginnt. Sie unterbricht immer wieder, vermisst wiederholt die gleiche Stelle und schiesst, so scheint es mir, tausend Bilder. Alles ohne Worte. Ich kann meine Tränen nicht mehr zurück halten. Auf dem Bildschirm, auf den ich nur mit Kopf verdrehen sehen kann, sehe ich überall schwarze Flecken. Ich bin sicher, dass meine Leber kurz vor dem Zerfall ist. Die Ärztin geht auf die Suche nach einem deutsch sprechenden Arzt. Ich liege da, warte und heule und habe keine Taschentücher dabei. Der Arzt kommt, sieht sich einen Teil der Bilder an und fragt, warum sie dies und jenes nicht ausgemessen hat. Ich warte, heule und denke mir meine Todesanzeige aus. Der Arzt guckt mich an und fragt warum ich heule, es sei alles in Ordnung. Ich darf wieder gehen. Mit dem Lift fahre ich in den obersten Stock und gehe zum Fenster. Ich habe schreckliche Angst und heule.

Vor 207 Tagen (Mittwoch) erwache ich zum morgendlichen Appell und merke, dass ich in der Nacht wohl in ein sehr tiefes Loch gefallen bin. Nun ist sie da, die Depression. Ich verlange bei der Schwester jemanden der mir helfen kann. Sie bringt mir eine Tablette. Ich will keine Tablette, ich brauche professionelle Hilfe. Die einzige die im Haus ist, ist eine Seelsorgerin. Sie kommt und hört meinem Geheule über 1 Stunde zu. Ich bekomme ein schönes Gedicht, die Zeiten für die hl. Messen im Haus und ihre Telefonnummer, wenn nochmals was ist.
Zur Nachmittags-Besuchszeit kommt neben meiner Mutter, die mich täglich trotz dem beschwerlichen Weg besucht, meine «ehemalige» Bettnachbarin und bringt mir zwei Heilsteine für meine Genesung und für die Abwehrkräfte. Kaum ist der erste Besuch weg, wirft mir eine Schwester eine riesige Schachtel aufs Bett, die sei von einem Boten gebracht worden. Es steckt ein wunderschöner Blumenstrauss von meinem Arbeitgeber drin, mit den besten Wünschen. Als ich die Schachtel irgendwo im Gang loszuwerden versuche, erscheinen meine Mit-Stifte und Arbeitskollegen, 6 Besucher auf einen Klapf. Es tut so gut, wie die alle dies nur gemerkt haben, dass ich sie heute brauche. Manchmal nützt es laut um Hilfe zu rufen. Ich verbringe eine Nacht ohne Alpträume.

Vor 206 Tagen (Donnerstag) kommt endlich das zweite Redon raus. Dies bedeutet, dass ich noch Heute das Knochen-Synti machen kann und dass ich endlich nach Hause darf. Ich möchte meinen Geburtstag nicht im Spital verbringen. Am Nachmittag startet das Knochen-Synti. 40 Minuten unbequemes Liegen und Arme über den Kopf strecken, Arme die noch gar nicht so beweglich sind. Zum Glück muss ich diesmal nicht wieder solange auf Nachricht warten. Es ist alles OK. Ich heule schon wieder. Um 18.30 Uhr holt mich mein Schatz nach Hause.

Vor 203 Tagen (Sonntag) werde ich 40 Jahre alt. Ich feiere im kleinen Kreis mit Freunden aus der Pfadi zum Gedenktag an den Pfadigründer BiPi. Ich bekomme einen Kuchen mit tatsächlich 40 Kerzen und sie bekommen eine Hiobsbotschaft. Geben und Nehmen!

Vor 202 Tagen (Montag) gehe ich zum letzten Mal in die Schule. Ich habe mit meiner Lehrerin abgemacht, dass am Ende des Unterrichts die Klasse informieren möchte. Eigentlich wollte ich ja Heute mit den Andern meinen Geburtstag feiern und einen Kuchen mitbringen. Schliesslich bin ich die Klassenälteste und ich wollte ihnen zeigen, dass man mit 40 auch noch mit 20-jährigen zusammen zu Schule gehen kann. Sie bekommen keinen Kuchen aber die besten Wünsche für die Abschlussprüfung und jede Menge Tränen von mir.

Vor 199 Tagen (Donnerstag) stehe ich am Morgen ganz früh auf dem Flur im 5. Stock. Eine Pflegefachfrau führt mich ins Zimmer 6, ich darf ein Bett am Fenster in Beschlag nehmen. Heute soll der Port-a-cath auf der linken (der nicht operierten Seite) eingebaut werden. Das Zimmer ist voll belegt. Keine 5 Minuten später werde ich umquartiert ins Zimmer 5. Ich als Krebspatientin darf nicht in ein Zimmer mit Schwangeren, das ist nicht gut für die Schwangeren. So, so, für mich vielleicht ja auch nicht! Jetzt liege ich wieder im Zimmer 5 bei den Schränken. Ich habe wie vereinbart genau markiert, wo der Sicherheitsgurt und z.B. die Träger des BHs durchgehen, damit der Port nicht stört. Im Laufe des Morgens wird mir der Port eingebaut. Die lokale Anästhesie und das Desinfizieren erfolgt auf der rechten Seite. Ich frage ob das die richtige Seite sei. Mir war gesagt worden links. «Meinen sie, dass wir nicht wissen was wir tun?» Ja eigentlich meine ich das. Aber was soll ich tun? Vor dem Mittagessen ist alles erledigt. Jetzt habe ich rechts noch eine weitere Narbe. Morgen startet die Chemo.

Vor 198 Tagen (Freitag) erwache ich am Morgen mit dem Gedanken, dass ich Heute vergiftet werde. Mir wird gesagt, dass die Chemo um 10 Uhr startet. Um 10 Uhr wird mir mitgeteilt, dass es noch etwas dauert. Um 11.30 Uhr kommt das Mittagessen mit der Mitteilung, dass die Chemo erst nach dem Essen beginnt. Ich habe nicht wirklich Hunger, aber unheimlich Angst. 13 Uhr, ich liege (möglichst bequem) und umklammere das Stofflamm meiner Schwester, das Känguruh meiner Arbeitskollegin und den «Null Problemo»-Anhänger meiner Mutter und versuche tapfer zu sein. Die Prämedikation gegen Übelkeit und Co. läuft ein. Die Onkologie-Schwester öffnet die graue Kunststoffkiste und entnimmt die erste Spritze. Es ist FU5. Dies soll nun innert 5 Minuten langsam und gleichmässig eingespritzt werden. Es ist durchsichtig. Ich soll mich melden, wenn es irgendwo kribbelt oder es sich komisch anfühlt. Der Port wird gespült. Nächster Gang. Rot. Epirubicin. Definitiv Gift. Port spülen. 3. Gang. Durchsichtig. Cyclophosphamid. Port spülen. Fertig. 2 Stunden. Ich soll läuten, wenn es mir nicht gut geht. Ich warte, dass mein Leben aufhört. Um 17 Uhr gibt es Nachtessen. Ich habe tatsächlich Hunger. Ist Chemo doch nicht so schlimm? Um 18.30 Uhr holt mich mein Schatz ab. Ich bin müde und gehe zu Hause sofort ins Bett. Ab 23.30 Uhr verbringe ich die nächsten 36 Stunden im Bad über das Lavabo gebeugt. Irgendwann würgt es nur noch, nicht mal mehr Galle kommt. Wasser bringe ich keinen Schluck runter, somit auch die Medikamente nicht. Bereits sind zwei der ganz teuren Tabletten im Abfluss verschwunden. Ich bin verzweifelt.

Vor 196 Tagen (Sonntag) hänge ich fast den ganzen Tag im Sofa und versuche verzweifelt Wasser zu mir zunehmen. Ich denke nicht, dass ich diese Therapie fortsetzen möchte. Mir ist Übel und ich muss mich mehrmals übergeben.

Vor 195 Tagen (Montag) hole ich mir Rat beim Medgate. Diese meinen ich soll sofort als Notfall ins Spital. Ich rufe im Spital an und erkläre, dass ich um ca. 12.30 Uhr in der Notfallanmeldung eintreffen werden. Mein Schatz liefert mich wieder im Spital ab. Komme sofort an den Tropf, da ich bereits stark dehydriert bin. Werde in den 5. Stock ins Zimmer 5 verfrachtet. Fensterseite.

Vor 192 Tagen (Donnerstag) darf ich wieder nach Hause. Ich kann wieder einigermassen normal Essen und Trinken. Nach einem Gespräch mit einer Ärztin zusammen mit meiner Schwester, erkläre ich mich bereit, den nächsten Zyklus noch zu machen. Aber dann werde ich 3–4 Tage stationär untergebracht. Auch müssen die Medikamente neu eingestellt werden.

Vor 190 Tagen (Samstag) wird in der Hirslanden Klinik in Aarau ein Tag der offenen Tür in der Radio-Onkologie durchgeführt. Da ich ja sicher weiss, dass mir die Bestrahlung auch noch bevorsteht, möchte ich mich informieren. Zusammen mit meiner Schwester nehme ich an diesem Anlass teil. Mich beeindruckt der Umgang der Ärzte mit Patienten. Eine ganz andere Athmosphäre. Auf alle Fälle möchte ich die Bestrahlung hier machen. Spontan frage ich am Empfang, ob auch allgemein versicherte Patienten hier eine Chemotherapie durchführen können. Ich vereinbare mit der Arztsekretärin am kommen Montag meine Unterlagen zu faxen um eine Zweitmeinung einzuholen.

Vor 188 Tagen (Montag) muss ich zur ersten Blutkontrolle ins Spital und anschliessend lerne ich endlich die zuständige Onkologin kennen. Sie wurde nicht unterrichtet, dass ich nochmals im Spital war. Meine Blutwerte sind, wie ja zu erwarten und wie ja auch erwünscht ist im Keller. Ich verlange meine Krankengeschichte und lasse diese nach Aarau faxen. Kaum zu Hause kommt bereits das Telefonat aus Aarau. Wir vereinbaren einen Termin am kommenden Freitag.

Vor 187 Tagen (Dienstag) lasse ich mir von meiner Coiffeuse die Haare auf einen 3mm-Schnitt rasieren.

Vor 184 Tagen (Freitag) sitze ich, zusammen mit meiner Schwester, im Wartezimmer von Dr. R. Popescu. Er entschuldigt sich für die Verspätung. Noch nie hat sich ein Arzt für die Wartezeit entschuldigt. Wir sind beeindruckt. Nach einer ausführlichen Berichterstattung meinerseits, besprechen wir die Situation anhand des hystologischen Befundes. Ich sehe das erste Mal die Tumordaten. Mir laufen die Tränen übers Gesicht. Das sorgfältige Abwägen über das Pro und Contra der Chemo lässt mich für eine Fortsetzung stimmen. Ich darf die Chemo nun in Aarau unter Leitung von Dr. R. Popescu machen. Er garantiert mir, dass mir nicht mehr so schlecht wird. Auch schlägt er mir eine andere Chemo-Art, mehr Zyklen aber kürzere Abstände vor, da dass System FEC eigentlich einfach eine Standardversion ist. Unter dem Vorbehalt, dass ich jederzeit Abbrechen kann stimme ich zu 3 x EC und 4 x Taxol im zwei Wochenrhythmus zu. Start am 20. Mai 2005.

Vor 180 Tagen (Montage) starte ich sehr nervös und unsicher in die praktische Lehrabschlussprüfung. Sie wird 3 Tage dauern. Seit einem Monat habe ich nicht mehr gearbeitet.

Vor 177 Tagen (Freitag) bin ich mich morgens im Labor der Hirslanden-Klinik ein um meine aktuellen Werte zu bestimmen. Anschliessend melde ich mich auf dem 3. Stock zur ambulanten Chemotherapie. Ich werde sehr freundlich empfangen und darf mich für diesen Morgen in einem Zimmer einrichten. Ich komme mir wie in einem Hotel vor, wenn nicht der Infusionsständer wäre. Dr. Popescu besucht mich, erklärt mir nochmals alles, versichert mir nochmals, dass mir nicht schlecht wird und gibt den Startschuss für die Chemo. Wieder zuerst Prämedikation, diesmal in Tablettenform und ganz andere Medikamente. 30 Minuten später kommt die rote Flüssigkeit. Sie sieht immer noch sehr bedrohlich aus. Mein Mut verlässt mich und ich komme mir wieder ganz erbärmlich vor. Gleicher Ablauf: spülen, nächster Gang, spülen, fertig. Jetzt gibt es noch eine Spritze in den Bauch, damit sich meine Blutwerte wieder schneller erholen. Ich darf gehen. Mein Schatz holt mich ab und bereits kurz nach Mittag bin ich wieder zu Hause. Ich lege mich sofort ins Bett und warte.

Vor 174 Tagen (Montag) kann ich Dr. Popescu am Telefon mitteilen, dass er sein Versprechen gehalten hat. Ich bin sehr müde und schlapp, aber es ist mir nicht schlecht.

Vor 170 Tagen (Freitag) steht wieder der Gang ins Labor an und die anschliessende Besprechung mit Dr. Popescu. Ich willige zur Weiterführung der Chemo zu.
Das Wochenende verbringe ich mit Töfffreunden. Mein Schatz fährt mich im Seitenwagen aus. Es ist sehr warm und ich bin sehr wacklig auf den Beinen. Aber das erste Mal seit ein paar Wochen fühle ich mich wieder lebendig.
Nun habe ich ein Woche Erholung vor mir. Ich kann die Zeit recht gut geniessen und einiges, das liegen geblieben ist, erledigen. Vor allem lerne ich intensiv für die theoretische Abschlussprüfung.

Vor 163 Tagen (Freitag) steht der 3. Chemozyklus an. Labor, 3. Stock, Zimmerbezug, diesmal bin ich nicht alleine, Arztbesuch, Prämedikation, Chemo, fertig. Ich merke, dass das Gespräch mit einer «auch betroffenen» Frau, gut tut. Der Entschluss reift in mir, dass ich einer Selbsthilfegruppe beitreten möchte.

Vor 156 Tagen (Freitag): Labor, Blutwerte im Keller, alles OK. Die Chemowoche habe ich relativ gut überstanden. Keine Übelkeit, nur eine unglaubliche Müdigkeit und relativ starke Gliederschmerzen, vor allem meine Knie rebellieren.
Am Wochenende findet das MZ-Treff (ex. DDR-Motorräder) statt. Ich schaffe es sogar, dass ich selber fahre mit meinem Gespann. Ich fange wieder an zu leben. Wir entschliessen uns, dass nun immer das mittlere Wochenende ein Ausflugswochenende werden soll. Die Seele baumeln lassen.

Vor 153 Tagen (Montag) stehe ich um 10 Uhr in der Berufsschule. Theoretische Lehrabschlussprüfung. Einzelabfertigung für mich. Ich musste die Prüfung zweimal verschieben, aber Heute soll sie stattfinden. Habe ganz weiche Knie und verschwitzte Hände. 5 Stunden später weiss ich, dass ich die Prüfung geschafft habe. Ich schwebe auf Wolke 7. Das habe ich geschafft, den Rest schaffe ich auch. Nun bin ich eine Polygrafin. Wow.

Vor 149 Tagen (Freitag) erhalte ich den 4. Chemozyklus, das letzte Mal mit EC. Wir sind zu Dritt im Zimmer und ein reger Austausch findet statt, es wird gelacht. Nun läuft bereits alles routiniert ab.

Vor 139 Tagen (Montag) lerne ich die Frauen der Gesprächsgruppe Seon von Leben-wie-zuvor kennen. Irgendwie habe ich das Gefühl ich bin angekommen. Angekommen in einer grossen Familie. Ich kann ungeniert erzählen und erfahre auch vieles. Vor allem erfahre ich Überlebenszahlen.

Vor 138 Tagen (Dienstag) darf ich mein Diplom als Polygrafin in Empfang nehmen. Ich bin unglaublich Stolz und trage meinen neuen Hut mit Würde.

Vor 137 Tagen (Mittwoch) fahren wir für eine Übernachtung ins Bündnerland mit den Motorrädern. Eigentlich hätte es ein vorgezogenes Wochenende werden sollen, aber eine Termin-Verschiebung der Chemo zwingt mich morgen bereits wieder nach Hause.

Vor 136 Tagen (Donnerstag) erhalte ich den 5. Chemozyklus, den ersten mit Taxol. Aus den bisher üblichen 2 Stunden Chemo werden plötzlich vier. Ich habe unglaublich Hunger und bin sehr Müde.
Die folgenden zwei Wochen verlaufen wie die anderen. Die erste ist ziemlich heftig, in Bezug auf Schmerzen usw. und die zweite wird zur Erholungswoche. Genau acht Tage nach der Chemo bin ich wieder auf den Beinen.

Vor 125 Tagen (Montag) kann ich endlich zum Augenarzt. Meine Augen haben in den letzten Wochen ein Eigenleben entwickelt. Mal sehe ich in die Ferne, mal nur in die Nähe und das Scharfstellen am Computer-Bildschirm will fast gar nicht funktionieren. Ich liege beinahe mit der Nase auf der Scheibe. Es macht mir Angst. Der Augenarzt kann mich beruhigen, es liegt wirklich an den Medikamenten. Im Gegenteil meiner Befürchtung, haben sich die Korrekturstärken sogar ins Gute verbessert. Ich brauche neue Gläser.

Vor 121 Tagen (Freitag) erhalte ich den 6. Chemozyklus. Nach langem Abwägen, erkläre ich meinem Onkologen, dass ich noch max. einen Zyklus (also total sieben) machen werde.
Seit wenigen Tagen plage ich mich neu mit Wallungen und schlechtem Durchschlafen. Ist dies nun eine Folge von Taxol oder sind dies bereits die Wechseljahre. Meine letzte Menstruation hatte ich vor fast sechs Wochen.

Vor 116 Tagen (Mittwoch) mache ich das erste Mal in meinem Leben eine Gesichtsfeld-Untersuchung. Diese dient zum Feststellen, ob auch wirklich nichts an meinen Augen ist.

Vor 113 Tagen (Samstag) fahren wir für ein Wochenende nach Airolo. Wir werden an der Tremola-Gleichmässigkeitsfahrt teilnehmen. Mit dabei habe ich meine neue kleine Honda mit Veteraneneintrag. Ich habe sie vor einer Woche gekauft. Mein viertes Motorrad.

Vor 108 Tagen (Donnerstag) wird mir der 7. Chemozyklus verpasst. Eigentlich bin ich fest überzeugt, dass dies die letzte Chemo ist. Mein Arzt gibt mir eine Woche Zeit zum überlegen, ob ich nicht doch noch einen 8. Zyklus anhängen will.

Vor 104 Tagen (Montag) verbringe ich den 1. August im Bett. Ich habe total den «moralischen».

Vor 98 Tagen (Sonntag) bin ich wieder so fit, dass ich mit der kleinen Honda an einer Ausfahrt teilnehmen kann. Ich habe mich entschlossen doch den letzten Zyklus zu machen. Ich denke, dass ist für mein Gefühl, dem Gefühl möglichst alles gemacht zu haben, besser.

Vor 94 Tagen (Donnerstag) erhalte ich wirklich den letzten Chemozyklus. Einerseits möchte ich triumphieren, andererseits ist mir Bange vor den kommenden, schlechten Tage. Nun kann ich sagen, ich habe das schlimmste hinter mir.

Vor 92 Tagen (Samstag) wage ich mich das erste Mal während der Chemo so kurz nach der Infusion unter Leute. Irgendwie möchte ich feiern, dass der letzte Zyklus nun intus ist.

Vor 91 Tagen (Sonntag) ist mir so mies wie schon lange nicht mehr. Das war wohl gestern eindeutig zu viel. Ich bin am Ende meiner Kräfte.

Vor 83 Tagen (Montag) habe ich die Vorbesprechung mit dem Radio-Onkologen. Ganz sachte kommen meine Kräfte wieder und ich gehe recht optimistisch in die Bestrahlung.

Vor 81 Tagen (Mittwoch) erfolgt das Planungs-CT mit den provisorischen Markierungen. Zum Glück habe ich mich für die Permanent-Make-up-Variante entschlossen. Denn bereits am Abend beissen mich die Pflaster und die ersten Blattern bilden sich.
Das Wochenende verbringen wir an einem Seitenwagen-Treff in Luxemburg. Ich konnte die gesamte Strecke selber fahren. Bin richtig Stolz mal wieder etwas mehr Kraft zu haben und selber zu fahren. Es wird ein richtiges gemütliches Wochenende.

Vor 76 Tagen (Montag) werde ich das erste Mal in meinem Leben tätowiert. Also das wird kein Hobby von mir. Ich bin froh, als die «Arbeiten» zu Ende sind. Anschliessend geht es zur ersten Bestrahlung. Es ist schon ein etwas unheimliches Gefühl unter dem Kasten. Aber es macht nicht weh, einzig die Lagerung ist etwas gewöhnungsbedürftig, dafür habe ich ja nun noch 29 Sitzungen Zeit.
Die nächsten sechs Wochen verbringe ich einmal am Tag in der Radio-Onkologie. Durch dass ich jeweils am Morgen früh hin kann, stellt sich auch langsam wieder ein Tagesrhythmus ein. In der vierten Woche habe ich die ersten offenen Wunden unter der Brust. In der fünften Woche platzen noch mehr Stellen auf. In den letzten fünf Sitzungen werden nur noch die eigentlichen Tumorbetter bestrahlt (Boost). Nun geht auch die Haut in der Achselhöhle in Fetzen. Zeitweise tut es höllisch weh und ich muss viel Salben und Pflastern.

Vor 74 Tagen (Mittwoch) beginnt meine Antihormon-Therapie mit Arimidex und Zoladex. Diese Zoladex-Spritzen sind rechte Brummer. Nun habe ich ein Festdepot im Fettdepot! Damit werde ich nun definitv in den Wechseljahren gehalten.

Vor 47 Tagen (Dienstag) getraue ich mich öffentlich, anlässlich eines Interviews, meine Glatze zu zeigen. Vor zwei Wochen sind mir auch noch die letzten Wimpern und Augenbrauen ausgefallen. Nun bin total kahl, halt nein, vier alte Haare habe ich noch.

Vor 37 Tagen (Freitag) habe ich die letzte Bestrahlungssitzung.

Vor 34 Tagen (Montag) findet das Austrittsgespräch statt. Nun werde ich also wieder ins Leben entlassen. Mein Auftrag lautet: «selber aufpassen». Ein merkwürdiges Gefühl, auch Angst schwingt mit, Angst davor nicht rechtzeitig zu reagieren. Aber auf was alles soll ich reagieren.
Die kommenden drei Wochen verbringen ich vor allem damit, wieder etwas Ordnung in mein Leben zu bringen. Ich bin viel unterwegs und besuche Leute. Sogar ins Fitnessstudio getraue ich mich wieder. Ganz, ganz langsam kommen meine Kräfte wieder und der Optimismus.

Vor 19 Tagen (Montag) erlebe ich eine weitere Première in meinem Leben. Ich erhalte eine Grippeimpfung und bekomme prompt eine Erkältung.

Vor 12 Tagen (Montag) lerne ich meinen neuen Gynäkologen kennen.

Heute, 12. November (Samstag), geht es mir eigentlich sehr gut. Eine Grundmüdigkeit bestimmt immer noch meinen Tag, aber ansonsten habe ich nicht viele Beschwerden. Langsam kommen meine Haare (nun wieder in der alten Farbe Dunkelblond wie früher), Kräfte und Zuversicht wieder zurück.


Vorschau
Heute werden wir noch an ein Töfftreff oberhalb Hornussen fahren. Wieder mal etwas im Wald an einem Lagerfeuer sitzen. (In der Nacht wird ein Erdbeben der Stärke 4.4 stattfinden mit Epizentrum Frick – 5 km entfernt.)

In 5 Tagen (Donnerstag) werde ich das erste Mal in meinem Leben zur Kosmetikerin gehen. Meine Haare wachsen mittlerweile wieder dicht, aber überall. Ich habe richtig gehend einen Bart. (Es wird ein schöner Tag, den ich zusammen mit meiner Freundin Susanna verbringe.)

In 18 Tagen (Mittwoch) werden Peter und ich für zwei Monate nach Neuseeland fliegen. Zuerst war diese Reise als Belohnung für die LAP gedacht. Ich denke ich habe mir diesen Urlaub dieses Jahr wirklich verdient. Es soll eine Reise in ein neues Leben werden. Ich möchte vieles dort zurücklassen und nicht mehr mit nach Hause nehmen. Auch erhoffe ich mir für Peter eine Erholung. In all den Monaten war er stets da. Immer konnte ich mich bei ihm verstecken, wenn es mir wirklich mies ging. Er hat dies alles mit getragen.


Im Moment erscheint es mir immer noch fast unwirklich, dass ich dieses halbe Jahr Hölle überstanden habe. Wieder einmal mehr bin ich erstaunt, was man/frau alles ertragen kann. Es ist fast unwirklich, dass wir schon bald diesen Urlaub antreten können.

Noch sitzt immer eine gewisse Angst in meinem Kopf fest. Daran werde ich noch viel arbeiten müssen. Auch meine frühere Leichtigkeit ist verschwunden. Dafür habe ich aber eine Art Gelassenheit bekommen. Mir sind die Beziehungen zu den Menschen wieder wichtiger geworden. Ich möchte diese auch wieder vermehrt pflegen. In den vergangen Monaten wurde mir viel Liebe zugetragen vor allem aus der Familie und meinem nun engsten und teilweise neuen Freundeskreis.

Ich bin jetzt bereit für ein neues Leben! Ich will leben! Ich gebe mich nicht geschlagen!
Ich habe vieles aufgegeben und zurückgelassen und ich wurde von einigen Menschen aufgegeben, vieles möchte ich anders machen. Ich bin zuversichtlich, dass ich es schaffen werde und in 20 Jahren sagen kann: «ich bin geheilt».


Widmung: Für Peter, Mams und Paps, Da und Manfred, Nicole, Susanna und «meine» Leben-wie-zuvor-Frauen



Das zweite Leben
Marceline Selm


Die sanfte Massage: Lymphdrainage
Chantal Jauslin


Es liegt an uns!
Bea(trice)


LOOK GOOD - FEEL BETTER
Sabine


LOOK GOOD - FEEL BETTER
Nicole Benz


Aus Zeit
Annina


Das zweite Leben
Claudine


Happy End
Annina


Hoffen und Sehnen
Annina


Ich doch nicht
strizzi


Vor zwanzig Jahren
Marijke


„sich ein Bild machen“
Annina


Ein neues Schnittmuster
Annina D.


Leben - besser als zuvor
Manu


Happy End
Annina


Die Fremde im Spiegel oder die Frau mit der Perücke
Miriam Glass


Meine Chemotricks
Renate


ANNEHMEN KÖNNEN
Therese


Alles wird wieder gut
Annina


Das Ganze war natürlich ein grosser Schock…
Vreni H.


Der Anfang einer kleinen Geschichte
Veronika


Etwas über die Mistel
Eva E.


NARBEN – GEDANKEN
von Madeleine Käslin


Rückblick auf bewegte und bewegende Monate
Elisabeth


leben wie zuvor
Ursula Kessler


CROSSROADS
Sabine


Morgens vor dem Spiegel
EVA


Selbst ist die Frau
Sylvia Brathuhn


Workshop für Engel
Papillon


Aus der Not eine Tugend machen
Nina Lupp


Der eigene Engel
Germaine Neukom


Ein ganz normaler Sommermorgen
Sonja Dreher


Offener Brief an meine Freundin
Papillon


Ich will
Lea


Der Port-a-Cath
Eva E.


Kinder des Krebses
Sandra Wöhe


Aus meinem Tagebuch
Claudine


Zurück ins Leben
Eveline E.


Brustkrebs? – das kriegen nur die anderen!
Beatrice Kern


"Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte"
Erma Bombeck


Die Zahl 13
Lou


Eine schlimme Diagnose
La Donna sempre in giro (alias Solita)


Septemberblau der Himmel
Christa Strasser


Ein ganz normaler Sommermorgen
Sonja D.


Ferien im Champ-Nany (Bresse, Burgund, Frankreich)
Ruth, Sepp, Tobias, Flavia Kiser aus Giswil


Ein ganz normaler Montag
Papillon


Erwachen – aufwachen – wach sein...
Anna-Lena


Wir sind betroffen
Graziella


20 Jahre!!
Jsabella


Bekenntnis zur Selbstachtung
Virginia Satir, Familientherapeutin, USA


Für meine liebe Mutter
Daniela


Genug Zeit
Renate H.


RAT"SCHLÄGE"? – JA. BITTE!
Christa Cerni


Rezidiv
Beatrix


Total dankbar
Nella


Trotz allem ein wunderbares Erlebnis
Hanny G.


Tyrannei von innen
Christa


eine Brust – keine Brust ......
einen Busen – keinen Busen......
Margreth


Am Anfang steht die Entscheidung....
Anna Lena


Ein Brief an Euch alle
Anna Lena


Das weissgraue Pelzchen
Angelika


Eine Liebesgeschichte
Trudi


Föhn – Chemotherapie – Perücken
Elisabeth


Tenorsaxophon
AmaZone


Brustlos glücklich? Oder brustlos und doch glücklich?
Evelyn


Ein kleines Geheimrezept
Ruth
Evelyn Marti:
Matuschka mit Gipsbüste
:)