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Hier berichten an Brustkrebs erkrankte Frauen von ihren Erfahrungen: leidvollen, aber auch hoffnungsvollen.
Die Erfahrungsberichte zeigen, dass wir alle unsere ureigene Art und Weise haben, mit unserer Krankheit umzugehen. Keine ist besser oder schlechter.
Wir hoffen, dass auch Ihnen die folgenden Berichte Mut machen und Sie auf Ihrem eigenen Weg bestärken.
Falls Sie einen Erfahrungsbericht beifügen möchten, schicken Sie Ihren Beitrag bitte per E-Mail an [email protected].
Die Erfahrungsberichte werden auf Wunsch auch anonym veröffentlicht.
Vielen Dank!
Ein ganz normaler Sommermorgen Sonja D.
Der Wecker klingelt wie an jedem Wochentag um 6 Uhr. Ich schaue zum Fenster: es wird wieder ein heisser Tag werden. Ein richtiger Sommertag, wie ich sie liebe. Ich nehme mir vor, die Badesachen ins Geschäft mitzunehmen und gleich nach Feierabend noch Schwimmen zu gehen. Voller Elan stehe ich auf, gehe ins Bad, stelle mich unter die Dusche. Alles Routine. Beim Abtrocknen ein automatischer Blick in den Spiegel. Komisch: an meiner linken Brust ist etwas verändert, sie scheint grösser zu sein als die linke, die Haut ist verändert, etwas stimmt da nicht. Ich taste und spüre einen grossen Knoten, unmittelbar unter der Brustwarze. Lieber Gott, das darf doch nicht wahr sein! Ich war doch erst vor ein paar Monaten beim Gynäkologen, der alles in Ordnung fand. Die Zeit drängt, ich muss zur Arbeit! Wie ich ins Büro gekommen bin, weiss ich nicht mehr. In meinem Kopf dreht sich alles, Angst kriecht hoch. Was ist mit meiner linken Brust los? Meine Bürokollegin ist schon an ihrem Platz und erzählt munter, was sie gestern alles erlebt hat, einen neuen Freund hat sie, will sich heute wieder mit ihm treffen. Ich bleibe wortkarg, meine Gedanken sind anderswo. „Bist du schlecht gelaunt?“ fragt sie mich nach einer Weile. „Ich habe einen Knoten in der Brust!“ antworte ich. „Sch...,“ sagt sie. „Hast du wohl einen Brustkrebs?“ Bisher mochte ich ihre offene spontane Art. Heute bin ich schockiert darüber und schnauze sie an, sie solle nicht solchen Mist sagen. „Du musst sofort zum Arzt“ fährt sie fort, „ruf gleich an, „lass alles stehen und liege, ich sage dem Chef, es sei dir schlecht und du seiest wieder nach Hause gegangen!“ Den Arzt anrufen? Oh Gott, habe ich eine Angst davor! Zurück in meine Wohnung, Telefonnummer suchen, ich bin kaum fähig dazu. Ich habe einen grossen Klotz im Hals, die Sprechstundenfrau versteht nicht was ich zu sagen versuche. „Ich muss einen Termin haben!“ „Ich kann Ihnen einen Termin erst im September geben, wir gehen nächste Woche in die Ferien!“ sagt sie. „Ich habe aber einen Knoten in der Brust und will nicht erst im September kommen.“ „Tut mir leid, es geht nicht, ich habe gar nichts mehr frei.“ Ich hasse sie, diese blöde Frau, die nicht versteht, wie sehr ich Angst habe und dass ich jetzt Hilfe brauche. Meine Tante kommt mir in den Sinn: sie hatte Brustkrebs und kann mir vielleicht einen Rat geben. Rufe sie an: „Tante, ich habe einen Knoten in der Brust, vielleicht habe ich habe auch Brustkrebs!“ Tante erschrickt und sagt: „Aber Mädchen, in Deinem Alter hat man noch keinen Brustkrebs, das wird etwas anderes sein.“ Tante ist bald 80, für sie bin ich mit meinen 32 Jahren noch ein „Mädchen“. Sie gibt mir die Telefonnummer der Uniklinik, wo sie operiert wurde und versucht mich zu beruhigen. Lange nicht alle Knoten seien bösartig, man müsse es aber sofort abklären. Anruf im Spital, ich werde sofort verbunden, habe eine Schwester am Telefon, die mir sagt, ich solle in einer Stunde da sein, man würde mich sofort untersuchen. Uff, bin ich froh! Auf dem Weg ins Spital aber habe ich grosse Lust, wieder umzukehren, gar nicht hinzugehen. Ich glaube, ich spinne, was will ich denn? Ich weiss nicht mehr was ich will, aber ich weiss was ich nicht will: ich will keinen Brustkrebs haben, ich schaffe das nicht, was habe ich nicht alles schon darüber gelesen und gehört, man hat Brustkrebs, man stirbt an Brustkrebs! Ich will doch leben, nicht sterben!
Ein ganz normaler Sommermorgen – 10 Jahre später.
Der Wecker klingelt wie an jedem Wochentag um 6 Uhr. Ich schaue zum Fenster, freue mich, dass wieder ein schöner Sommertag beginnt, freue mich darauf, nach der Arbeit mit meinem Mann und Freunden schön essen zu gehen.
Heute habe ich nämlich ein „Jubiläum“ zu feiern. 10 Jahre auf den Tag genau ist es her, seitdem ich die obenstehenden Zeilen ins Tagebuch geschrieben habe. Viel ist passiert damals. Man hat Brustkrebs festgestellt, ich musste die linke Brust operieren lassen, habe eine Chemotherapie überstanden (wie, werde ich nie vergessen, es war happig, aber ich habe es überlebt), bin tapfer 6 Wochen lang in die Radiotherapie gegangen, habe mich mit dem Arbeitgeber herumgestritten, der meinte, er müsse mich von meinem interessanten Platz versetzen weil man doch den Verlauf der Krankheit nicht absehen könne und er eine voll einsetzbare Kraft brauche. Habe einen neuen Arbeitsplatz gefunden mit einer absolut netten Chefin, die übrigens selber auch Brustkrebs hatte! Habe den Mann kennen gelernt, mit dem ich mindestens 90 werden möchte.
Das klingt nun alles fast zu euphorisch, nicht wahr. Aber diejenigen unter Euch, die „es“ auch erlebt haben, können sicher zwischen den Zeilen lesen, was es gebraucht hat, bis ich so weit wieder war, das Leben wieder geniessen zu können. Nein, es war nicht leicht, ich war oft wieder voller Ängste und Zweifel, wollte aufgeben, fand mich scheusslich so brustlos, ohne Haare, ohne Augenbrauen und Wimpern, konnte kaum glauben, dass die Haare wieder schön sein würden, habe geschlottert vor jeder Kontrolle beim Doktor, habe meinem Partner gesagt, er solle lieber eine Gesunde heiraten anstatt mich usw.usw.
Eine grosse Dankbarkeit erfüllt mich, dass es mir so gut geht. Ich weiss, es sind viele Frauen, die leider nicht so viel Glück haben. Ich bin dankbar, dass ich „leben wie zuvor“ kennen lernen durfte. Als ich damals im Spital von Eurer Gemeinschaft hörte, die „leben wie zuvor“ heisst, fand ich das ein so blöder Name dass es mich wütend machte. Dann hat mich eine von Euren Besucherinnen besucht und ich habe ich verstanden, wie Ihr das meint. Das Bulletin verschlinge ich immer „am Stück“. Von und mit Euch mutigen Frauen habe ich viel gelernt. Habe gelernt, dass das Leben so kostbar ist, ob wie zuvor oder eben etwas anders. Man lebt ja nie wie zuvor nach einem Schicksalsschlag.
Ich schicke Euch Mut und Kraft für die dunklen Stunden
Sonja D.
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